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Rubrik „On the road“, 02. 11. 2013

 

Moldawien? Da fährt man doch nicht hin, von da läuft man weg!

Die meisten Menschen, denen ich erzähle, dass ich eingeladen bin, eine Schreibwerkstatt in Chișinau, der Hauptstadt, zu leiten, können diesen Ausruf gerade noch unterdrücken.

Tatsächlich verdient die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung der Republik Moldau ihr Geld notgedrungen außerhalb der Landesgrenzen, in Italien, Deutschland – illegal, versteht sich. Die Einnahmen sind verlässlich, jedes Jahr werden knapp 1 Milliarde Euro nach Hause geschickt, das ist mehr als der gesamte Staatshaushalt.

Wie lange ist es eigentlich her, frage ich mich beim Betreten des kleinen Leseraums der in einem Neubaublock untergebrachten Zweigbibliothek, dass jemand mich händeringend wie hier erwartet hat? Ich ordne meine Papiere und setze soeben zu einem loriotschen Räuspern an, als jemand in der Runde aufspringt: Die Direktleitung stünde jetzt. Man bugsiert mich auf den Flur zurück, wo mir ein Telefon ans Ohr gehalten wird. Ich bin live mit dem Nationalsender Radio Moldova verbunden. Ein paar Worte bitte, woher, warum, wie lang und mit welchen Empfindungen. Erwartungsvolle Mienen. Mein holpriges Rumänisch lässt schließlich alle strahlen. Bis zum späten Nachmittag werde ich meine Gefühle gegenüber dem Land im allgemeinen und dieser Einladung im speziellen in mehrere Smartphones diktiert haben. 

Dass Menschen des Wortes etwas gelten, dass sie sozusagen auf dem Vorposten zum heiligen Berg Wacht halten, ist hier gelebte Normalität. Vor wenigen Wochen erst hat mein moldauischer Kollege Dumitru seine Abenteuer beim Beantragen eines Visums in einem ironischen Artikel geschildert. Das ganze Land scheint ihn gelesen zu haben: Kurz darauf wurde ihm von der Zeitung, für die er regelmäßig schrieb, gekündigt. Und das mit dem Visum kann er sich in Zukunft auch abschmieren, wie ihm aus ungenannter Quelle zugetragen wurde. Was für eine Wirkung für einen Schriftsteller!

Das Bedürfnis, das mich wie jeden westlichen Menschen, der in den Osten reist, mit Macht erfasst, nämlich sämtliche Erlebnisse zu ironisieren, verfliegt, als die in der Werkstatt entstandenen Texte öffentlich gelesen werden. Die jugendlichen Zuschauer, die anfangs den Eindruck erwecken, sie seien wegen des Kaffees und der Kekse von der Straße hereingeschneit, äußern sich nach zweistündigem konzentriertem Zuhören mit langen Wortbeiträgen. Es werden Passagen zitiert, Namen genannt, Verbindungen hergestellt.

Mit ebenso befremdlichem Selbstverständnis empfängt mich zuletzt noch der Chef des Nationalradios. Man wird ein Hörspiel von mir inszenieren, da muss man doch reden! Wir sitzen im siebten Stock eines noch von den Russen erbauten Hochhauses auf einem Hügel vor der Stadt. Eine Sekretärin bringt Kaffee. Wir plaudern über die Gattung Hörspiel im allgemeinen und mein Stück im speziellen, untermalt von Folkloremusik aus dem Rekorder. An der Übersetzung muss noch gearbeitet werden, mahnt der Chef nach einer Stunde. Drum herum wird genickt. Ich mahne meinerseits die Erwähnung eines wenigstens symbolischen Salärs für die Autorin im Vertrag an. Es wird gelacht. Übrigens, sagt der Chef, können die Hörer nach der Sendung anrufen und live ihre Meinung kundtun, zwei Stunden lang, das ist hier so üblich. 

Am nächsten Tag bin ich wieder in Deutschland. Termin beim Radio, Marlene-Dietrich-Allee. Das aufgezeichnete Gespräch, eine Literaturkritik, dauert wie gewohnt sechs Minuten. Nach sechseinhalb bin ich wieder draußen. 

Mein Büro

DIE WELT, Rubrik „Heimwerker“, 04. 01. 2014 

 

Was macht eigentlich mein Büro, wenn es keinen Besuch von mir hat?

Tagsüber tut es vernünftig. Es nimmt sich zurück, hält still, was heißt: mich aus. Aber es handelt sich um ein angespanntes Stillhalten, das sich sofort entlädt, sobald ich unten aus der Hoftür bin. Es ist ungefähr wie beim Stoppspiel: Guckt man hin, rührt sich nichts, aber kaum hat man ihm den Rücken zugekehrt, beginnt das Gewusel. Wenn die Menschen verschwunden sind, hängen die Büros in dem Haus mit der Nummer 58 eine Weile miteinander ab. Die anderen beneiden meins um seine Lage. Weil es ganz oben läge, hätte es den besten Blick. Aber ich hab ja nur das eine kleine Dachfensterchen, wehrt mein Büro bescheiden ab, hält den Neid der anderen aber insgeheim für gerechtfertigt. Irgendwann zieht sich jedes wieder in sich zurück und genießt die sturmfreie Bude, also sich selbst, noch ein paar Stündchen allein. Mein Büro legt die Beine hoch, und kurz kommt ihm der Gedanke, es bräuchte mich eigentlich gar nicht. Doch dann sehnt es sich plötzlich schrecklich nach mir. Es langweilt sich mit der Nacht. Es blickt die tote, regennasse Einkaufsstraße hinunter, blättert ein wenig in den herumliegenden Büchern, aber es hat sie alle schon gelesen. Verdrießlich wartet es auf den Morgen. Darauf, dass die Lieferfahrzeuge mit großem Geräusch ihre Laderampen runterlassen, um Bäcker, Zeitungsladen und Drogeriemarkt zu befüllen. Endlich die ersten Menschen. Zuerst Fahrradfahrer, die haben es eilig, ein paar versprengte müde Mütter mit Kinderwagen, Regenplane drüber, dann tauchen Grüppchen auf, Rentner und Schüler, sehr viele Schüler, was machen all die vielen Schüler vormittags in der Einkaufstraße, fragt sich mein Büro. Es lauscht. Aus seinem kleinen angeklappten Dachfensterchen lauscht es auf Gesprächsfetzen, die es auf Notizzettel kliert, in der Hoffnung, ich könne mit diesen Nachrichten langer zäher Stunden allein vielleicht etwas anfangen. „Dann hätte ich den in der Havel ersäuft, ich schwör’s dir.“- „Morgen ist das Schlafzimmer leer, da könnten wir rein.“- „Es gibt nicht so oft Postbank. Ja, Postbank ist eine relativ kleine...“- „Aber ich hab fünf Punkte in der Mathearbeit und ne Fünf minus.“- „Ich bin kein Arzt, der die Leute einfach so krank schreibt, aber bei Ihrem Beruf sollten sie sich mal überlegen, eine Pause...“- „Was sagt denn der Gabelmann dazu? Gabelmann?!“- „Also nächste Woche, gleich Anfang der Woche, muß ich einen Termin haben!“

 

Das also versteht mein Büro unter dem sogenannten echten Leben, mit dem sich Schriftsteller auseinandersetzen. Wer bin ich, ihm diesen Impuls ausreden zu wollen? Mit angelegentlicher Miene lege ich die Zettel in eine Mappe, die ich nie wieder durchsehe und eines Tages hinunterschaffen werde zu den Papiertonnen im Hof. Vielleicht hegt es auch eigene Ambitionen, mein Büro. Scheinbar ungerührt beobachtet es tagsüber mein Tun, mein Nichtstun, mein Händeringen, hört meine Verwünschungen, sieht mein Glühen und meine Erschöpfung, nur um nachts mit leichter Hand, ironisch, intelligent und mitreißend mein Leben zu schreiben. Wer weiß. Als ich kürzlich nachts dort vorbeikam und einen Blick hinaufwarf, brannte Licht.