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Der Körper des Salamanders
(erschienen 2001 im Piper Verlag, München;

Neuauflage im Herbst 2009)

 

über das Buch | Rezensionen

 

Jetzt ist es vorbei, das Geräusch, das Rauschen, wenn das Wasser sich durch meine Gehörgänge schleckt, um mit einem tiefen Gurgeln immer wieder von sich hören zu lassen. Nach der Entscheidung schlägt keine Brandung mehr von innen an meine Haut, keine Welle bricht sich Bahn, kein Tropfen dringt in keinen Spalt, nichts fließt, nichts bewegt sich, endlich kann ich beginnen:

 

 

Ich machte “pscht” und winkte in den Raum zu den Mädchen hinüber, was sie dazu brachte, nur noch lauter durcheinander zu rufen. Als ich nicht reagierte, wurden sie schließlich still. Ich stellte das Radio lauter, die Nachrichten waren vorbei. Die Wettervorhersage verkündete ungewöhnlich milde Temperaturen für Februar, und mein Gesicht verfinsterte sich.

 

"Kein Eis", teilte ich mit, und die Mädchen schauten kraftlos von den zerkratzten Holzschemeln zu mir herüber. Ich sah sie nicht an, spürte aber, daß sie erwarteten, ich würde mit einem Zauberspruch eine Schicht aufs Wasser werfen, die so hart wäre wie im letzten Jahr. So fest auch, daß die verschiedenen Schwimmtiere sekundenschnell in dem Eisblock erstarrten, über den wir laufen könnten, anstatt den Fluß in seinem normalen Zustand zu durchrudern, wie wir es seit Monaten schon taten, um die Regel: Belaste möglichst täglich! nicht zu verletzen. Und nun schien es, als würden wir den ganzen Winter über raus auf das Wasser müssen, denn was im Februar nicht fror, blieb bis zum Frühling flüssig. Das stand zwar nicht im Handbuch, hatte ich aber von den anderen kleinen Menschen, die die Boote steuerten, erfahren. Solange es nicht um das Ausborgen von Werkzeug oder Putzschwämmen ging, ließen sie sich, obgleich mißtrauisch, zu Informationen wie dieser überreden.

 

Kein Glück also wie im Winter zuvor, als die Blätter der Skulls schon in der Schweinebucht gesplittert waren, noch keine fünfhundert Meter vom Ufer entfernt, das der Trainer mit dem Motor seines wild kreisenden Bootes freigeschmolzen hatte. Mit wütendem Gesicht hatte er uns fünf zu sich ins Boot kriechen lassen. Da ich die einzige mit Handschuhen gewesen war, hatte ich den Vierer, dessen Bug von der scharfen Eiskante aufgerissen worden war, wie einen großen steifen Fisch hinter uns hergezogen, während sich die Mädchen schweigend in die rotgefrorenen Hände gepustet hatten. Bis zum März war ich in der warmen Werkstatt geblieben, um die Blätter und die Kunststoffbespannung zu reparieren. Ich hatte mir viel Zeit gelassen beim Lackieren und durch die staubigen Fenster die Mädchen beim Gymnastiklauf beobachtet.

 

Mein Körper wurde nach dieser Nachricht zu einem Stück Holz, als ich den Ölanzug über Pantalon und Trainingshose zog; die T-Shirts waren noch klamm, in den Schuhsohlen quietschte das Wasser vom Vortag. Ich besah meine Hände. Hier und da hatten sich bereits winzige Schuppen gebildet, die zu Schwimmhäuten werden konnten, wenn sie sich mit den weißen Stellen an den Fingern verbänden.

 

Bis wir nicht in der Juniorenstufe ruderten, würde während der kalten Jahreszeit nichts mehr an mir trocknen und mußten wir für das Training in dieser Baracke bleiben, die die Nässe einsog und die Pappwände schimmeln ließ. Im Winter wurde der Trockenraum durch Gestank und Feuchtigkeit zu einer Quarantänezone, die wir nur mit zugehaltener Nase betraten, um sie schnellstmöglich wieder zu verlassen. Im Sommer half nicht einmal das geöffnete Fenster, um Frischluft in den Brutkasten zu bekommen, aber wenigstens trocknete die Kleidung in nur wenigen Minuten.

 

Und obwohl ich schon jetzt unter den feuchten Sachen zu frieren begann, mußte ich die Mädchen, die der Trainer Mannschaft nannte, bei Laune halten.

 

"Ein Winter wie ‘47”, flehte ich zur Pappwand, um sie zu unterhalten. Sie verstanden nicht. Nachmittags in der Schule waren sie müde, schliefen in den Bänken und schleppten sich auf Hausschuhen durch die Gänge des labyrinthischen Gebäudes. Sie verübelten mir meine Noten und haßten meinen ewig ausgeruhten Körper, der als einziger im Klassenzimmer aufrecht saß und sogar Worte herausbrachte, die zu den Fragen der Lehrer paßten.

 

Ich schickte Dramatik in meine Stimme und versuchte dabei, meine kalten Arme steif neben der orangefarbenen Schwimmweste hängen zu lassen: ”’47 ging nichts mehr. Eiskalter Winter nach dem Krieg. Ein Haufen Frühgeburten, überall wurden die Möbel aus den Gutshäusern verfeuert, zumindest bei uns.”

 

Die Mädchen zogen sich ihre dünnen Hosen über die breiten, kräftigen Hintern und hörten mit offenem Mund zu. Ihre Körper machten Geräusche und rochen algig.

 

 

Als sie fertig waren, tat ich, als müßte ich nach den Steckschlüsseln suchen, und schickte sie zum Einlaufen. Ein bummeliger Haufen, verließen sie schließlich die Baracke und begannen sich draußen in der Kälte warm zu hüpfen.

 

Auch wenn ich geredet hatte, war ich doch ganz stumm geworden. Wenn es kein Eis auf dem Wasser gab, bedeutete das nicht nur angefrorene Zehen in den nächsten Wochen. Ich tastete in meinem Spind nach dem blauen Buch, das ich vor einiger Zeit schon angeschafft hatte. Als ich es aufschlug, wurden die Linien zu kleinen Wellen, die sich launig über die leeren Seiten bewegten: keine einzige Zeile hatte ich bisher zwischen sie gebracht, und wenn es kein Eis gab, würde ich auch diesmal keine Gelegenheit haben, einen Gedanken zu fassen. Draußen sprangen die Mädchen in der Hocke über den grauen Beton, und dahinter lagen die Stege glasig am Fluß. Bevor ich das Buch wieder in den dunklen stinkenden Schrank zurücklegte, bohrte ich einen Fingernagel in das rauhe Holz. Dann nahm ich den Kanister und ging hinaus.

 

Draußen im Boot ging ein scharfer Wind, der mir die Worte, die ich durch die Sprechanlage schickte, vom Mund riß, noch bevor sie zum Lautsprecher unter dem dritten Rollsitz gelangen konnten. Ich hob den hantelschweren Teekanister auf meinen Bauch, da meine 35 Kilo gelegentlich von Böen erfaßt und über die niedrige Holzreling geweht wurden. (Mein geringes Gewicht hatte schon einmal dazu geführt, daß ich als Achtjährige unter einem gemusterten Kinderschirm bei stürmischem Regen mehrere Meter über den Gehweg getrieben worden war, wobei ich meine Füße sekundenlang in einigem Abstand über den grauen Betonplatten unter mir hängen gesehen hatte.)

 

Dieser Winter war nichts anderes als eine Wetterflucht, durch die die Mädchen ruderten wie Ausgesetzte auf der Suche nach Land. Sie zogen Krebse in den unregelmäßigen Wellen und stießen das Boot mehr vorwärts, als daß sie es schoben. Bei diesem Wetter verzichteten sie freiwillig auf die Pause, denn das Wasser war bis in ihre Knochen gedrungen, und wir trieben rasch aus der Fahrrinne, wenn die Ruderblätter für eine Weile in der Luft blieben. Also nahm jeweils nur eines von ihnen große Schlucke aus dem Kanister, an dessen Tülle brauner Belag klebte, während die anderen drei weiter durch die garstige Natur hasteten.

 

 

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