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Verabredungen mit Mattok
(erschienen 2004 im Piper Verlag, München)

 

Rezensionen

 

Am selben Morgen, als die mit Schweröl beladene Baltik Vier vor der Küste der Halbinsel über backbord kippte und mit eingetauchter Schiffsbrücke seitwärts in der See liegen blieb, wurde der bekannten Taschentrickkünstlerin Claire Elling bestätigt, daß der Kuraufenthalt zur Heilung ihrer von einem hartnäckigen Ekzem befallenen rechten Hand erfolglos geblieben war.

 

Als erste Antwort auf diese Mitteilung griff sie eine der asiatischen Dekorationskugeln vom Behandlungstisch und warf sie in eine Vitrine im Hintergrund des Raums. Die schwere Metallkugel flog so dicht am Gesicht des vor ihr sitzenden Mediziners vorbei, daß er sofort aufsprang, um sich überrascht das Ohr zu reiben. Claire, nach dem Wurf, war gleich wieder ruhig und schaute auf eine Grünpflanze aus Kunststoff. Nachdenklich prüfte der Mediziner die noch verbliebenen Glasreste im Vitrinenrahmen und klappte dann ohne ein Wort ihre Akte zu.

 

Auf der Strandpromenade lief Claire zwischen den Schaulustigen hindurch. Es schien inzwischen festzustehen, daß die Baltik Vier nicht nur abkippen, sondern in kurzer Zeit auch auseinanderbrechen würde. Jedenfalls nahmen zwei Männer, die beide Schirmmützen und Reporterwesten trugen, eine Kamera plus Stativ aus silbernen Koffern und steckten an der Promenadenbrüstung alles zusammen. Ein Stück weit entfernt brachte ein Mann im Trainingsanzug einen tragbaren Fernseher zu einem Campingtisch, der seit dem Vortag hier im Freien stand. Um den Tisch herum erzählten sich Einheimische die Nachrichten aus den Regionalzeitungen. Dahinter schauten aus den Eingängen der Promenadengeschäfte die Verkäuferinnen mit verschränkten Armen den Reportern zu. Manchmal rief eine von ihnen ohne herauszutreten der nächsten etwas zu, die dann, genauso auf der Stelle bleibend, auflachte oder bloß nickte. Auch als sie schließlich die Postkarten in den drehbaren Ständern zu sortieren begannen, Strandhüte und Bastschuhe in die Kramkörbe legten, sahen sie weiter zu der Kamera.

 

Claire lehnte sich, etwas abseits, an die Brüstung. Die See schwappte stumpf an Land. In ihrem Unmut wünschte sie sich eine Explosion am Horizont, über die sie sich wie eine verschlagene Kreatur freuen wollte, aber sie hörte nur die Stimmen der Gruppe um den Tisch, an dem die Frauen jetzt ihren Männern widersprachen. Jemand fuhr auf einem knackenden Fahrrad vorbei, bewegte kurz die Lippen, als sie sich umdrehte. Die Saison begann erst. Da es noch keine Urlauber gab, grüßten die Einwohner die wenigen Kurgäste, die auf der Promenade auf und ab liefen, noch jedesmal. Claire drückte sich die Fingerknöchel ihrer gesunden Hand so stark auf die Augen, daß sie beim Wiederaufschauen den schon entfernten Radfahrer als roten Fleck sah.

 

Am Geländer drehten die Köpfe sich vom Meer weg zum Ocean. Der Eingang des Lokals, das noch dunkel zwischen den anderen Geschäften lag, wurde von innen aufgeschlossen. Der Wirt trat mit einer Kabeltrommel für den Fernseher vor die Tür. Als er damit über die Promenade lief, löste sich sein Geschirrtuch vom Gürtel und flog den Wartenden entgegen. Einer aus der Gruppe griff es in der Luft und schwenkte es wie ein Ausgesetzter. Eine Frau lachte, hörte gleich wieder auf. Weiter vorn, wo die Promenade sich zum Meer hin öffnete und die Seebrücke begann, sahen drei Rentner abwechselnd durch einen Feldstecher hinaus zur Baltik Vier. Dann lief der Fernseher, es wurde bewundernd geklatscht. Alle drängten sich um den Tisch. Man fand ein Programm, in dem das Geschehen der letzten Tage noch einmal nachgestellt wurde. Abwechselnd kommentierten die Leute die Kommentare des Sprechers.

 

Claire gab sich Mühe, auf die Farben der See zu achten, auf lasche Wellen, die noch vor den roten Badebojen weit draußen zerliefen. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie sogar den Tanker zu erkennen, sah aber nur die grauen Silhouetten von zwei anderen Schiffen, die ordnungsgemäß vorüberfuhren. Als sie eine Windböe traf, schlug Claire den geöffneten Sommermantel so zurück, daß die Enden hinter ihrem Rücken flatterten. Plötzlich kam ihr die Seeluft wie Gestank vor. Sie überlegte, wohin sie gehen konnte.

 

Alles war zu wenig. Der erste lange Gedanke, der ihr an diesem Morgen gelang, war die Erinnerung an einen Jungen, der für eine Wette mehrere Tage auf der Straße in einem aufgemalten Kreis gestanden hatte. Es war frostig gewesen, und nachts hatte ein Vorbeikommender ihn aus der Markierung zu stoßen versucht. Der Junge aber hatte nur die Arme hängen lassen und zur Seite geschaut, so daß der andere schließlich lustlos weitergegangen war. Beim stundenlangen Dastehen hat er sich einfach zusammengerollt, dachte Claire triumphierend, als hätte sie selbst den Angreifer vertrieben. In ihrer Lage schien ihr aber auch ein Einrollen noch viel zu wenig. Sehr langsam, wie manche Tiere im Halbschlaf, senkte sie den Kopf.

 

 

Auf dem weiten Strand warf ein Kind Steine gegen die Metallpfähle der Seebrücke. Sofort alarmierte Claire das Geräusch, als gäbe ein Nachbar Klopfzeichen über ein Heizungsrohr. In ihrer Hand pulste ein gewohnter Schmerz; die Hautschuppen, die sich gerade erst über ihren Fingern bildeten, fielen schon wieder ab und wurden von neuen ersetzt. Eine ausdauernde Maschine, sagte sie absichtlich laut und ließ die Hand in dem weißen Baumwollhandschuh wie eine nutzlose Tasche über die Brüstung hängen, aber niemand sah hin.

 

Das Kind hörte auf zu werfen. Es dauerte einige Zeit bis Claire erkannte, daß es einem Mann nachschaute, der zwischen den Pfeilern umherging. Den Blick zum Boden und die Hände in den Taschen seines steifen Mantels, stieg er über die Schlickpolster. Claire beobachtete das, ohne einen Gedanken. Plötzlich griff der Mann mit einem Satz nach dem Kind und packte es sich als Paket quer unter den Arm. Das Kind war so überrascht, daß es ohne einen Laut nur die Hände an die Brust gepreßt hielt. Schließlich ließ der Mann es genauso plötzlich wieder fallen und starrte auf das Meer. Claire wollte sich schon abwenden, als er sich ruckartig nach Westernheldenart in ihre Richtung drehte. Dann hob er, klein am Strand, seine Hand von der Revolverhüfte ans Auge, krümmte langsam die Finger und blickte sie durch diese Röhre an. Claire rührte sich nicht, blieb starr, als würde ein Bild von ihr gemacht.

 

 

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