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Der klassische Held und die Freiheit oder Taugt der unbehelligte Mensch für die Literatur?


erschienen in:

Bella triste, Nr. 25/ 2009

Die ZEIT, 31. 12. 2009

 

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Vor einiger Zeit sah ich einen mittlerweile vierzig Jahre alten Dokumentarfilm, „Nachrede auf Klara Heydebreck“: die Lebensgeschichte einer ganz und gar unbekannten West-Berliner Rentnerin, die Selbstmord begangen hat. Offensichtlich überrascht von der Tat, versuchen Verwandte, das Hausmeisterehepaar, Nachbarn und der mit dem Fall betraute Polizist ein Bild von der Frau zu geben. Mit frappierender – für die damalige schwarz-weiße Zeit üblicher? – Menschenunkenntnis beschreiben die Befragten sie dann aber allesamt nur als „alte Jungfer“, „irgendwie komisch“ oder „eben anders“. Keine Vermutung darüber, warum sie zurückgezogen lebte, nicht verheiratet war oder wie sich verschüttete Wünsche oder Erlebnisse auf die Psyche eines Menschen auswirken können. Nur wenige Dinge blieben übrig von ihr: Theaterprogramme, Beweise einer Leidenschaft fürs Malen und den Chor. Was bleibt, ist der Eindruck eines Geheimnisses. Dieses Geheimnis aber ist kein objektives. Es entsteht, wenn ein Mensch mit seinen Träumen und Fähigkeiten nicht in die aktuelle Gesellschaftsnorm passt, wenn er im Verborgenen halten muß, was er zu anderen Zeiten vielleicht ausgelebt hätte. So blieb die Frau ausgebremst – vermutlich auch sich selbst unbekannt – bis zu ihrem Tod eingeschlossen in das enge Korsett ihrer Epoche, der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

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Ich denke daran, daß noch bis vor kurzem aus dieser Situation fast alle Literatur geboren wurde: wie der Einzelne mit seiner Zeit, die immer größer ist als er, kollidiert, sie manchmal beherrschen lernt, meistens aber gegen sie lebt, an ihr zerbricht oder in ihr verschwindet. Wie er sich aus der Umklammerung durch die Gesellschaft oder eine politische Ordnung herauszuwinden versucht. Antigone muß sterben, weil sie gegen die Staatsräson handelt, Werther, weil die Standesschranken ihn am Leben und Lieben hindern, Christa T. scheitert an einem Land, das den Einzelnen mit seinen Träumen und Hoffnungen verkümmern läßt … Ob Göttergebot oder lähmende Traditionen, lustfeindliche Kirchenwelten oder mörderische Diktaturen, labyrinthische Bürokratien oder kriegerische Epochen – überall Zwänge, Übergriffe, Einengungen und Beschränkungen, an denen sich die Helden abarbeiten. Die Geschichte der Literatur ist auch als eine der Befreiungsversuche davon zu lesen.

 

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Verändert es die Literatur, wenn sie in einer Gesellschaft entsteht, die nicht eine dauernde Behinderung der persönlichen Entfaltung bedeutet, sondern im Gegenteil die Selbstentfaltung zum täglichen Programm erhebt? Wenn die Figuren sich nicht mehr Schranken gegenüber sehen (ob sie daran nun zugrunde gehen oder nicht), sondern dem unendlich freien Raum? Der lebensweltliche und damit auch literarische Standardkonflikt der letzten Jahrhunderte, der Kampf des Einzelnen gegen eindeutige Zwänge und Vorherrschaften, scheint als dramaturgischer Kitt der Literatur nicht mehr angemessen. Wenn die Internatsmauern übersprungen sind, die Provinzen problemlos verlassen wurden und Liebesbeziehungen ohne Todesdrohung unspektakulär eingegangen werden, beginnt unsere Gegenwart. Selbstverständlich kann man noch immer Internatsromane schreiben, kann die Engstirnigkeit der Provinz thematisieren oder den Zorn eines bornierten Vaters angesichts einer Heirat. Aber man wird damit nicht die Geschichte unserer Gegenwart schreiben können. Nur Geschichten, die in der Gegenwart spielen.

In wenigen Jahrzehnten hat sich das oft tragische Aufbegehren gegen Mächte, Konventionen oder Gesetze in ein Scheitern an sich selbst verwandelt. Nichts mehr zu delegieren. Das faustschüttelnde Fluchen gilt keinem Staatschef mehr, keiner übermächtigen Vätergeneration oder gar Gott. Wir: unser eigener Feind. Wo die jahrhundertealte Gängelung und Bedrohung verschwunden sind, das Individuum aus den Klauen von Disziplinarmächten befreit wurde und die Verpflichtung zur Eigeninitiative zur alleingültigen Regel erhoben wird, stehen wir – seltsam alleingelassen – nur noch uns selbst und unserem eigenen Unvermögen gegenüber. Natürlich ist in einer solchen Welt der Konflikt nicht abgeschafft. Liebesverrat, Krankheit, Einsamkeit, Feigheit oder Tod existieren solange wie der Mensch. Mit einem Unterschied jedoch: der Umgang damit betrifft nur ihn selbst noch. Wenn die Wände, die uns umgeben, nur noch die unseres eigenen Schädels oder Körpers sind, wird auch die Schuldfrage unweigerlich zu einer persönlichen.

Verirrten sich die Helden früherer Zeiten mit ihren klassischen Konflikten in unsere Gegenwart, würden ihnen pragmatische Fragen gestellt: Was hindert Sie daran, ihren Platz in dieser Welt zu finden? Wieso verwirklichen Sie Ihren Traum nicht? Legen Sie sich nicht selbst die Steine in den Weg, über die Sie so kläglich stolpern? Ja: Ihr Lebensproblem wäre plötzlich ein ganz und gar privates.

Wenn Romanfiguren als Abbild menschlicher Erfahrung jedoch nicht mehr den utopischen Raum einer zweiten Möglichkeit ihrer Existenz erahnen lassen, fällt alles Geheimnisvolle von ihnen ab. Sie verlieren jene spezielle Tiefe, die von der Sehnsucht eines verhinderten, verratenen Lebens herrührt. Sie sind, was sie sind. Und frei, sich zu verändern. Frau Heydebreck fehlte heute längst alles Tragische. Fröhlich und unspektakulär würde sie womöglich mit einer Frau gelebt haben. Oder ihrer Schwermut wäre mit ein paar gewöhnlichen Therapiesitzungen Abhilfe geschaffen worden. Ihr Leben käme uns banaler vor – und nicht mehr gehemmt und verschleiert durch eine restriktive Zeit. Ja: Ich glaube, die klassische Situation gilt heute nicht mehr. Die Befreiung der westlichen Lebensläufe vom würgenden Zugriff durch eine wie auch immer geartete Obrigkeit hat sie allmählich verschwinden lassen.

 

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Heiner Müller hat die Heraufkunft unserer postpolitischen Zeit für ganz Europa genau erfaßt (und als Dramatiker gefürchtet!), als er nach 1989 sagte, die Zeit des Dramas (der klaren Gegnerschaft also, der klaren Widersprüche), sei vorbei, jetzt komme die Zeit des Epischen.

Vielleicht waren die besten Bücher der DDR-Literatur, diesem überlangen Trieb des Modernegewächses, innerhalb der gesamtdeutschen die letzten, in denen sich das Wesen des klassischen Konflikts noch massenhaft präsentieren konnte: Die heillose, oft dramatische Verstrickung des Individuums in den Fäden der Gesellschaft, in der es zu leben verdammt scheint. Von dort winkt es noch zu uns herüber: das Hadern und Zweifeln, die Selbstbefragungen (vor einem genau umrissenen Hintergrund), die Fluchtbewegungen, das traurige Abgleichen von Anspruch und Wirklichkeit, Ideal und Realität – das alles wirkt inzwischen seltsam unzeitgemäß. Käme es uns nicht lächerlich, schlicht: verfehlt vor, verzweifelte eine Figur in einem Gegenwartsroman an der Frage, wie und ob sie der Gesellschaft oder dem Gemeinschaftsinteresse dienen könne? Wenn sie spürte, dass die Liebe sie zum Beispiel von einem höherem Auftrag abhielte, sie am Fortschrittsgedanken verzweifelte, wenn es sie zerrisse, dass sie dem Zukunftsentwurf der sie umgebenden Gesellschaft nicht blind nachfolgen könnte (wer hat schon Einwände gegen Demokratien)? Wenn sie zugrunde ginge an ihrer Logik? Fragen, die wie der Samen einer inzwischen ausgestorbenen Pflanzenart herumtreiben.

Der Versuch (Wunsch?), sie auf die Gegenwart zu übertragen, muss scheitern.

Aufgrund eines wesentlichen Unterschieds. Dieser Unterschied betrifft das Verhältnis des Politischen zum Privaten. Schauen wir nur zum Beispiel zurück in diese uns noch bekannte Tabu- und Verbotsgesellschaft – und an eine solche ist der klassische Konflikt ja gekoppelt: Ob es die ungewaschenen Socken eines Jungpioniers waren, eine bestimmte Art zu lächeln, ein zu exquisiter Musikgeschmack, ein falsch angebrachter Ohrring, ein suspekter Berufswunsch: alles wurde – im Leben wie in der Literatur – vor dem Hintergrund der Gesellschaft diskutiert, die einem im Nacken saß und gleichzeitig die Zukunft war. Keine Hochzeit, keine Scheidung, nicht mal der Besuch einer Marmeladenfabrik gingen ohne das Riesentamtam der Geschichtstrommeln ab. Unaufhörlich drängte sich die Politik ins Privatleben, und der Einzelne versuchte ebenso unaufhörlich, sie wieder hinauszudrängen.

Gegenüber dieser permanenten Belästigung zu früheren Zeiten nimmt sich die Politik heute wie ein höfliches Fräulein aus. Wer mag, kann sein Leben von Anfang bis Ende unpolitisch leben. Kein Staat fährt einem in den Lebensweg, man wird nicht zwangsrekrutiert für irgendeinen Krieg, persönliche Entscheidungen müssen nicht verteidigt, sondern bloß geäußert werden, eine Liebe zerbricht statt an den Verhältnissen höchstens noch an der Blödigkeit oder dem Unwillen der Helden, es gibt keine Aussprachen für das Tragen langer Koteletten oder knallroter Hosen, man wird nicht schief angeschaut oder gar bestraft, weil man den Gottesdienst nicht besucht oder lieber in der Hängematte liegt anstatt zur Arbeit zu gehen. Politik – in unseren Breitengraden – ist etwas, um das sich der Einzelne kümmern, das er in sein Leben holen muss.

Von dieser Art absoluter Freisetzung rührt die Ohnmachtserfahrung des Individuums heute her. Dazu die beständige Suggestion, als Verursacher seines Problems auch der Löser sein zu müssen. Eine Suggestion, die nur selten zu Tatkraft führt. Denn in einer Welt, in der alles Mögliche prinzipiell Wirklichkeit werden kann, gibt es für das Handeln keine zwingenden Gründe oder Konsequenzen mehr. Die Folge ist, daß das Subjekt alles mögliche (folgenlos) tun kann.

 

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Der Held aus Jean-Philippe Toussaints Roman Das Badezimmer (1985) kam mir immer wie der Prototyp dieser Erfahrung vor. Toussaint war vielleicht einer der ersten, die das Drama der Widerstandslosigkeit unserer Gegenwart thematisierten, wenn auch noch auf melancholisch-ironische Art. Während der Ich-Erzähler seine Tage unengagiert und Fußball schauend in einer leeren Badewanne zubringt, seufzt er: „Ich müßte ein Risiko eingehen, das Risiko, die Seelenruhe meines abstrakten Lebens zu stören, um.“ Er kann den Satz nicht beenden. Er hat keinen Anteil an der sogenannten Gesellschaft und weiß nicht, wem die Schuld dafür zu geben ist. Es ist, als würde Josef K. ewig in seinem Zimmer hocken und darauf warten, daß einer ihn verhaften kommt.

Am anderen Ende derselben Erfahrungsskala könnte man Michel Houellebecq positionieren. Auch er thematisiert unablässig die Zumutung der Entlastung und die Sehnsucht des verlorenen Subjekts. Die Sehnsucht nach einer Welt, in der Begriffe wie Verbot, Versagung und Überschreitung noch einen Sinn haben. Sein von der Moral der Sitten befreites Individuum ist eben nicht souverän, wie von Nietzsche hundert Jahre zuvor noch vorgestellt, sondern erschöpft und zerbrechlich. Freiheit wozu? Gustav Aschenbach musste/ durfte (!) noch hinter den Paravent seiner Fantasien flüchten, Houellebecq hingegen beschreibt eine Zeit, in der alles in der Realität geschehen soll. Seine durch die Abschaffung von Verbindlichkeiten verwirrten Figuren kranken an dem Problem, nicht zu genügen – dem Attraktivitätsgebot, der Souveränitätspflicht.

Verständlich, daß die Helden solch einer um das Wesen der Gegenwart bekümmerten Literatur oft müde, leer oder doch zumindest ratlos daherkommen. Nicht nur, daß sie zu nichts, was sie umgibt „Ja“ sagen können, schlimmer noch: ihnen ist in einer entgrenzten Welt die Möglichkeit abhanden gekommen, zu einem konkreten Gegner „Nein“ zu sagen. Dieses Nein aber war Jahrhunderte lang das große Wort der Literaten und ihrer Helden. Es galt ganz einfach all jenen Dingen, die ihren Träumen und Entfaltungswünschen im Weg standen. Heute wirkt es oft nur auf die Helden selbst zurück.

 

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Natürlich gibt es Fluchtmöglichkeiten. Autoren und Leser stürzen sich ins Historische, ins Genre oder ins Exotische. Literatur aus Ländern wie beispielsweise der Türkei, Südafrika oder Mexiko scheint diese spezielle Sehnsucht, die man die Nostalgie der Moderne nennen könnte, zu erfüllen. Dort finden wir sie noch: die Eindeutigkeiten des verhinderten Lebens, von oben und unten, den dankbaren Kampf für das große Glück gegen eine Welt der Vorschriften und Herrschaften. Eine Welt, in der persönliches Leid noch in Zusammenhang steht mit einer höheren, zwar einschränkenden Macht, die der menschlichen Existenz aber immer auch ein Gewicht verleiht. Wo im Gegensatz zu diesen exotischen Regionen das Verbotene in die Krise geraten ist – wie in Westeuropa – müssen hingegen auch der klassische Konflikt und seine Intrige verlorengehen. Das als Katastrophe oder Drama wahrzunehmen, ist für Schriftsteller immerhin eine Aufgabe (welch schönes knarzendes Wort!).

 

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Am deutlichsten begreife ich, dass eine bestimmte Zeit vorbei ist und wir uns in einer anderen befinden, lese ich Bücher, in denen es noch um das Verhandeln sogenannter „letzter Fragen“ geht und großäugig am Lauf der Geschichte bzw. an der gesamten Menschheit verzweifelt wird. Denken wir an die trommelnden Zwerge, Kassandren oder Horatier, die noch bis vor ganz kurzer Zeit die deutsche Literatur geprägt haben und ja nicht bloße Verschlüsselungsparabeln auf aktuelle Lebensumstände in einem beschränkten und beschränkenden System (im Westen bis zum Ende der sechziger Jahre, im Osten bis 1989) waren. Nein, sie waren tatsächlich Abbildung des Lebensgefühls einer Epoche, Ausdruck der Bewusstseinslage von Menschen, die sich Mächten gegenübersahen, undurchdringlich, unbezwingbar, oft irrational, launisch, willkürlich. Und die vor diesem Hintergrund ebenso mächtige Fragen zu klären hatten: Fragen von Schuld, Verantwortung oder Verstrickung.

Auch bei Kritikern und Lesern gibt es eine diffuse Sehnsucht nach dieser klassischen Sichtweise aller modernen Literatur: die Forderung nach dem „Wenderoman“ in den neunziger Jahren war zum Beispiel eine solche. Eine allumfassende Geschichte, die für ein ganzes Volk, eine Epoche und eine einheitlich denkende Nachkommenschaft Gültigkeit haben sollte. Natürlich muss dieses Verlangen nach dem Schauer des Verbindlichen und Belangvollen vergeblich sein, denn es gibt ja kein Rückwärts in der Zeit. Unser Wissen um den Zwang zu Vielfalt und Offenheit und die damit verbundene Unendlichkeit der möglichen Erfahrungswelten sagt uns längst etwas anderes. Vielleicht hat der gelegentliche, leise empfundene Neid von Künstlern auf dieses Früher damit zu tun: Die tagtäglich erzwungene Auseinandersetzung, die Revolte gegen eine verspießerte oder klerikale oder politisch bevormundende Welt verschaffte dem Menschen – im Leben wie in der Literatur – den Eindruck, in einen Kampf mit etwas Großem, Titanischem verwickelt zu sein. Was sein Lebensgefühl bei aller Genervtheit jedesmal auch ein bisschen titanischer färbte, denn man weiß ja: unbezwingbare Gegner machen einen mit groß.

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Orte von denen ich schreibe

geschrieben für das Literaturhaus Köln 2002

 

Osten, für mich, ist ein Prinzip und kein Staat. Eine Himmelsrichtung, in der Ideen schwerer wiegen als Dinge. Aus der ich Fragen und Probleme ziehe, die ich für die Gegenwart diskutieren will. Letztere ist überfüllt mit Dingen und Materie, die über die Ideen herrschen. Deshalb nehme ich sie auch wahr als einen verstellten Ort, in dem es nahezu unmöglich ist, visionär zu denken. Ich suche statt dessen die kargen, spröden Gegenden, die noch nicht vollständig mit Bildern besetzt sind, an denen zwischen den Linien noch viel Raum hervortritt. Delta, Boulevard Lipscani, Cinema Aurora, das Oderhaff. Auch meine Vergangenheit ist eine solche Gegend. Sie dient mir, gerade weil sie sich in einem für mich unvollendeten Rahmen vollzogen hat (die Geschichte war schneller als ich ihn hätte schließen können), als Spiel- und Gedankenmaterial. Dabei kann ich unbefangen in diese Himmelsrichtung schauen, weil sie für meine Biographie nichts Negatives bedeutet. Sie verweist mich statt dessen auf Ideen, deren versuchte Verwirklichung durch konkrete Staatengebilde nur der geringste Punkt ist.

 

Da der politische Umbruch 89 zeitgleich stattfand mit einem ersten Lebensumbruch meiner Generation, der Pubertät, ist es unmöglich zu sagen, welche Entscheidungen und Entwicklungen auf welche der beiden Wenden zu schieben sind. Wir gerieten in ein Vakuum. Zum damaligen Geschichtsmoment waren wir weder bereits ideologiemüde, noch hatten wir schon eine felsenfeste Überzeugung davon, in welches Lager genau wir gehören wollten. Die Zeit hätte uns diese Entscheidung abgezwungen. Bevor wir uns aber selbst positionieren konnten, für oder gegen etwas, hatte man den Kampf bereits abgeblasen. Zurückgeblieben ist eine Un-Position, eine Un-Zeit, ein Zeitlimbus. Unsere Reaktionen und Taten sind potentielle geblieben.

 

Wenn ich in diese Himmelsrichtung schaue, fallen mir Assoziationen, auch Elemente einer utopischen Absicht ein, die ich für das Schreiben brauche. Farblose, rauhe Flächen regen nun einmal die Phantasie an. Diese Abwesenheit von Buntheit und Bildern ist eine Unterbrechung. Sie wird seltener. An ihr erkenne ich das Verschwinden, das Diskontinuierliche, das was leicht übersehen wird. Nur bruch- und reibungsloses Denken illusioniert sich eine banale Gegenwart. Diese spärlich besetzten Orte sind keine gemütliche Bleibe, aber sie eignen sich, um einen Hochsitz auf ihnen zu errichten. Von ihm aus kann ich einen fremden Blick auf die Gesellschaft und ihre endlose Betriebsamkeit werfen. Kann vergleichen. Wesentlich ist ihnen auch, daß sie eine Geschichte besitzen, die über die Jetzt-Zeit einer turbulenten Geschäftigkeit hinausreicht als ein gedanklicher Raum. Doch während ich mich in ihnen bewege, merke ich, wie sie schon wieder an ihrer eigenen Zeitbeschneidung arbeiten. Auch diese Räume werden enger.

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Naivität als Widerhaken

Dankesrede anläßlich der Verleihung zum Hölderlin-Förderpreis

 

Schon wieder zu wenig Provisorien. Wieder ist alles sehr schnell gegangen. Wenn ich durch die ganz Neuen Länder laufe, sind die Irritationen und Störungen schon wieder ausgeräumt. Imbissbuden und Bierstände, sonst nur heimliche Schandflecken, leuchten endlich weit in die blühende Landschaft hinein. Der Duft von Gegrilltem zieht durch die Luft. Es werden Würste an Dichter verteilt. Jemand verbrennt sich den Mund und greift zur Karaffe mit frischem Wein. Der Blick schweift fröhlich durchs Land. Auch die Steine, die bei den Proben zum letzten Aufstand herausgefallen sind, wurden ins Mauerwerk zurückgesetzt, über die Lücken Mörtel geschmiert. Schon ist wieder kein Trümmer mehr zu rücken, alles längst zubereitet, ohne Hindernislauf zu begehen. Beim Heben holt man sich keine Brüche mehr, den Füßen im Laufrad liegt nichts zum Straucheln bereit. Alles glattgegangen. Um noch zu stolpern, muß ich mir schon selbst die Schuhe verkehrt herum anziehen: der Akt eines freiwilligen Idioten.

 

Der Fall H. zeigt eins: zwei Äußerungen stehen als Reaktion auf seine Welt, die immer noch oder schon wieder die unsrige ist, zur Verfügung: Zorn und Schweigen. Sich zornig, mit schnell überlaufender Galle, zu äußern, setzt Idealismus voraus; es ist der Versuch, diese Welt im Kampf der Worte zu überwinden, womöglich als Sieger. Mit den Jahren verliert er sich. Die Hybris, der Schriftsteller könne eine Bedeutung in dieser Gesellschaft haben, wird von selbiger solange geschlagen oder wundgestreichelt, bis mancher verstummt. Der sonst schon nicht Geschmeidige zieht sich schließlich ganz aus ihr zurück.

„Ich bin zwar in der Welt, gehöre aber nicht zur Welt, nicht weil sie mich nicht einlässt, sondern weil ich nicht zu ihr gehören will.“

Der taktische Rückzug in das Irrsein oder einen Turm am Neckar: ein Schelmenstreich; dieser Welt den Rücken zu kehren geht der Entschluß voraus, sie von nun an bei sich anklopfen zu lassen. So kann der Unwille, innen wie außen, ein letztes Mal ausgedrückt werden: Stille. Dem Geplapper der Welt nicht mit zusätzlichen Worten beikommen zu wollen ist die Konsequenz eines Menschen, der die Realität als dauernden Angriff auf sich erfährt.

Inzwischen sind wir wieder bei ihm angelangt. Die kapitalistische Gesellschaft steht der klassenlosen in nichts nach: hier wie dort ist der Künstler funktionslos oder anders ausgedrückt: der abgestellte Narr. Nur die Übergangsgesellschaft, als eine zielsetzende, verschafft ihm Raum und eine Wahl: Er kann beschleunigen oder auch bremsen, was sich im Übergang versteht. Zwischen Wut und Stummheit gibt’s dann womöglich ein Drittes. Ich aber muß noch jeden Tag fürchten, der Zorn schlägt um in Stille, wie lange wird es dauern, um ihn ehrlich antreiben zu können, und wichtiger noch: wie lange kann ich mir einbilden, er hätte eine Wirkung?

 

Denn immer noch kann ich die Satzellipse nicht beenden, die der namenlose Held in Jean-Philippe Toussaints Roman „Das Badezimmer“ zweimal wie unter Zwang denkt. Während der junge Mann seine Tage in einer wasserlosen Badewanne verbringt, versucht er seiner Freundin Gründe für diesen Rückzug zu liefern. Nein, gesund sei es nicht, vor allem in seinem Alter. Und mit gesenkten Lidern sagt er:

Ich müsste ein Risiko eingehen, das Risiko, die Ruhe meines abstrakten Lebens zu stören, um.

Es gibt keinen Schluß für diesen Satz. Sein Ende frisst der Kreislauf der permanenten Gegenwart, sobald sich Worte zu bilden versuchen, die ihn vervollständigen wollen, schließt sich der Kreis, die Illusion einer Offenheit ist dahin. Eine Utopie ist, diesen Satz eines Tages beenden und dann an ihn glauben zu können. Inzwischen stopfe ich Texte in die Lücke, die sie nie ganz ausfüllen. Ein Satz ist linear, ein Wort nach dem anderen, hin zu einem Punkt. Sätze sind Strahlen. Richtungsweisend. Wie aber soll man dieser geometrischen Forderung nachkommen in einer Geschichte, die stillsteht, auf nichts deutet? Solange dieser Widerspruch zwischen dem Wesen eines Buches und der Geschichte besteht, laufen die produzierten Texte in einer Warteschleife.

Und solange muß ich mir eine Naivität inszenieren, um schreiben, immer wieder anfangen zu können. Wenn Naivität die Kraft ist, das eigene Denken als Realität zu setzen, muß sie mich glauben lassen, dass mein Schreiben Wichtigkeit und Zukunft besitzt. Nur eine inszenierte Naivität kann die Visionslosigkeit aufbrechen und ein Nachher suggerieren. Weil der Zeitstrahl verloren gegangen ist, existiert Aufklärung nur noch um ihrer selbst willen, ohne Telos und als Sensation, gibt es die angestrengte Suche nach Perfektion vor allem im Handwerk/ der Technik: das schöne Wort. Sich zwischen diesen Gewissheiten einrichten zu wollen, kommt einer ständigen Selbstkasteiung gleich. Die Schwierigkeit ist, sich jeden Tag an einen Auftrag erinnern zu wollen, der einem nie erteilt worden ist.

Daß der Künstler eine gesellschaftliche Bedeutung hat, ist private Konstruktion und keine Tatsache. Sie betrifft daher nur seinen persönlichen Willen oder eben die Fähigkeit zur bewussten Naivität, ganz ohne Pathos. Damit wird die Illusionierung zur Daueraufgabe, eine Morgengymnastik, bevor die Arbeit beginnt. Bei meinen täglichen Übungen begleitet mich der Wunsch, eines wieder zu denken: ein Noch-nicht der Geschichte und: von der Kunst als Mittel träumen zu können, die Wirklichkeit unmöglich zu machen. Dazu versetze ich meinem besseren Wissen immer wieder Schläge, bis es betäubt.

In Zeiten mit anderen Nötigungen als dem Markt- und Unterhaltungszwang konnte man Naivität einsetzen als Kraft, die Mauern einer festgefügten Ordnung zu durchschreiten, Grenzen aufzuheben durch den Blick des Narren. Heute ist es umgekehrt: Die Ordnung, die Bahnen und Wände muß ich mir erst schaffen, innerhalb derer meine Texte eine Funktion haben könnten. Naivität ist so der Wille, die Begrenzungen des eigenen Schädels als erste ordnende Bande zu setzen in einer horizontfreien Umwelt. Der Gesichtskreis muß klein gehalten werden, um die Wahrheit der künstlerischen Existenz immer wieder zu vergessen. Besieht man sich nur einen Teilbogen des Ganzen, könnte man es für eine Strecke halten. Sich auf diesen Ausschnitt zu konzentrieren, kostet Energie und nennt sich Schizophrenie: Ich reagiere nicht auf das, was ich weiß, weil ich es nicht wissen will, nicht wissen darf. Weil diese Erkenntnis mich das Künstlerleben kosten kann. Was bei einem Philosophen des 20. Jahrhunderts verächtlich mauvaise foi hieß, scheint mir inzwischen als einzige Strategie des Überlebens. Bewusst in einem falschen Wahn zu leben, um an dem glattgeschmirgelten Leib der Welt nicht immerfort abzurutschen.

Hölderlin war nicht der einzige, der erkannte, dass taktische Naivität vor der Sterilität der Übereinstimmung bewahrt. Seine Verweigerung ist eine letzte gewonnene Schlacht, nicht auf dem Feld der Kunst. Als der achtzigjährige André Gide es einmal an seiner Tür klingeln hörte und öffnen ging, stand ein alter Mann, so alt wie er selbst, vor ihm, der sich als sein ehemaliger Klassenkollege vorstellte. Gide blieb im Türrahmen stehen, sah den Mann an und hörte ihm zu. Nach einer Weile fiel der Greis ihm um den Hals, nannte nochmals seinen Namen und den der gemeinsamen Schule. Erkennst du mich denn nicht, petit André? wimmerte er. Ich bins doch, Dupont, der alte Dupont aus der Ecole Alsacienne. Dein Schulkamerad Dupont! Gide betrachtete den Mann, dachte nach und sagte: Dupont? Dupont? Eh bien, Dupont, au revoir! Und schloß die Tür vor dem Mann.

Ich danke der Stadt Bad Homburg und der Jury für den Preis.

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Hebe mich heraus! Über den Sinn von Tätowierungen

 

Seit ein paar Jahren verwandeln immer mehr Menschen ihre Körperoberfläche in Zeichentafeln, indem sie sich Bilder hineinbrennen lassen. Statistiken ist zu entnehmen, daß inzwischen jeder vierte Berliner zwischen 18 und 35 Jahren tätowiert ist; Piercing- und Tattoostudios entstanden in Windeseile und entstehen noch immer zuhauf. Auf Armen, Rücken, Steißbeinen, Hintern, Waden oder Schenkeln werden Linien und Kreise, keltische Sonnen, Garfielde und Drachen, Rosen, Einhörner, Herzen, Totenköpfe, asiatische Buchstaben und Ähnliches präsentiert. Warum?

 

Ursprünglich, so läßt sich nachlesen, besaß das Tätowieren als eines der ältesten Kunsthandwerke in unserem Kulturkreis einen spirituellen Hintergrund: Bestimmte Zeichen schützten im Kampf, gaben Kraft oder heiligten Ahnen und Vorfahren, waren Versicherungen für die Zugehörigkeit zu einem Stamm. Tätowierungen klärten die kulturelle Identität oder funktionierten als Statussymbole, indem sich z.B. nur der Häuptling den Wolf einritzen lassen durfte. Ab dem 4. Jahrhundert wurde das Tätowieren als unzivilisiert, weil barbarisch und heidnisch im Gegensatz zur christlichen Weltauffassung verboten. Seitdem sind nie wieder so viele Menschen – zumal freiwillig – gezeichnet gewesen. Mittlerweile sind Tätowierungen nicht mehr Zugehörigkeitsäußerungen sozialer Randgruppen. Sie haben den Bereich der Seefahrts- und Gefängniswelt verlassen und den engen Rahmen von Rockerbanden gesprengt: ein Zeichen des Außenseitertums ist zum Zeichen des In-Seins geworden. Demokratie heißt nun auch, sich freiwillig stigmatisieren zu lassen.

 

Auch wenn es mittlerweile zur weitverbreiteten Modeerscheinung geronnen ist, soll das Tattoo – wie etwa die zerrissene Jeans oder der kahlgeschorene Schädel – beim Betrachter Assoziationen des Mutes, der Ruchlosigkeit und des Unangepassten freisetzen. Im Unterschied zu anderen Modetrends aber, deren Rebellenattitüde ebenfalls vom Markt übernommen und in die Gesellschaft eingepasst wurde, spielt hier der Wille zur Endgültigkeit, dem Irreversiblen auf der eigenen Haut, eine ungewöhnliche Rolle. Selbst ein weggebranntes Tattoo hinterlässt noch die Spur der einstigen Entscheidung.

 

In den meisten Fällen begründet der Tätowierte den Wunsch nach Bedrucktheit mit den Wörtern: Schönheit oder Coolness, manchmal werden auch esoterische Gründe genannt, wenn zum Beispiel das chinesische Zeichen für Stärke tatsächlich Stärke verleihen soll. Der Mythos scheint mit dieser Mode in unsere Moderne eingebrochen zu sein. Die instinktive Sehnsucht der Gesellschaft nach archaischen, irreversiblen Riten ist noch da, deren Sinn jedoch verloren. Geblieben ist eine leere Zeichenform, der die Füllung fehlt.

 

Leer deshalb, weil bei den unzähligen Tattoobildern, die einem täglich unter die Augen kommen, allein der Fakt des Zeichens an sich unsere Aufmerksamkeit beanspruchen kann, denn nur den versteht der Betrachter ganz sicher. Nicht das konkrete Motiv, das für den Einzelnen durchaus eine persönliche Bedeutung haben mag, soll hier interessieren, sondern die Tatsache des massenhaften Einbrennens von Zeichen überhaupt.

 

In den meisten Fällen bezeichnen die einzelnen tätowierten Muster ohnehin nichts. Selbst wenn es sich um konkrete Motive und Abbildungen handelt, sind diese nicht mit funktionaler Zwecksetzung in den Körper gebrannt (wie etwa ein Hinweisschild für öffentliche Toiletten), sondern mit einer ästhetischen. Damit stehen wir vor den Zeichen auf anderen Häuten um uns herum wie unkundige Europäer vor asiatischen Schildern. Wir sehen, daß es sich um Zeichen handelt, nicht aber, worauf sie uns hinweisen wollen, sie können uns nur sagen, daß hier ein Zeichen vorliegt. Im Gegensatz zu Asienunkundigen wäre es für uns also vergebliche Mühe, hinter dem ästhetischen Gebilde einer Tätowierung das Instrument einer konkreten Information zu suchen und davon auszugehen, daß kalligraphische Zeichen – etwa wie in Japan – eigentlich lesbar sind, nur eben für Uneingeweihte nicht. Unsere Neigung, visuelle Zeichen mit Objekten in Verbindung zu bringen und nach dem zu suchen, was sie repräsentieren, schlägt hier fehl. Tätowierungen beruhen nicht auf einem konventionalisierten, also allen geläufigen, Sprachcode. So wird das bloße Vorhandensein des Tattoos zu seinem eigentlichen Inhalt.

 

Ein Zeichentheoretiker würde das heutige moderne Tattoo zu den Signalen rechnen. Zeichen also, die weder etwas symbolisieren noch abbilden, sondern Hinweise auf einen Umstand geben: Wenn beispielsweise Rauch hinter den Bäumen aufsteigt, macht dies auf die Existenz eines Feuers und mögliche Gefahren aufmerksam. Auch Schreib- und Redeweisen, wie der Strukturalist Roland Barthes in seinem 1953 erschienenen Buch Am Nullpunkt der Literatur festgestellt hat, können nicht nur etwas mitteilen oder ausdrücken, sondern darüber hinaus etwas anzeigen, das außerhalb des Mitgeteilten liegt. Kraftausdrücke eines Kindes in einer wohlerzogenen Familie beispielsweise teilen weniger einen konkreten Inhalt mit, als dass sie etwas signalisieren: in diesem Fall eine Revolution en miniature. Genauso sind Tattoos nicht einfach lesbare Zeichen, sondern stellen vor allem zur Schau. Unabhängig von seinem konkreten Motiv und einer individuellen Form weist das als Signal begriffene Tattoo auf einen bestimmten Willen oder ein Bedürfnis des Trägers hin, das mal ausgeprägter mal vorsichtiger sein kann.

 

Neben einem oberflächlich ornamentalen Zweck oder bestimmten Identitätsfunktionen – etwa ein Skinhead am Kreuz für Mitglieder dieser Szene oder ähnliche Erkennungscodes für Gangs – soll das massenhaft verbreitete Tattoo vor allem den Willen demonstrieren, alle Moden, also das leicht Ablegbare, zu überwinden. Als Tätowierter will man sich in eine fixierte Zeit begeben, die nicht auf einer Messung nach Saisons oder Legislaturperioden beruht. So wie die Alten durch Tätowierungen z.B. Trauer dauerhaft machten – sie kannten die Sprunghaftigkeit des Menschen –, indem sie sich Name und Todestag des Häuptlings in die Haut ritzten, steht der heutige bedruckte Körper für die Suche nach einer Festlegung angesichts einer Welt des Austauschbaren. Er soll vor der dumpf empfundenen Tatsache der Ersetzbarkeit und Vergänglichkeit schützen. Eine letzte Kopflosigkeit, daß der Körper nicht mehr zu schonen ist, wenn es darum geht, als individuell zu gelten.

 

Inkonsequenterweise will man aber heute beides können: sich einpassen und gleichzeitig anzeigen, daß man dieses Einpassen ablehnt, man kann Verwaltungsbeamter sein und gleichzeitig mit einer Tätowierung eine ganz andere Identität, zum Beispiel die eines Unangepaßten, simulieren. Im Gegensatz zu einem vollständig tätowierten Gesicht werden die meisten Muster daher auch so aufgebracht, daß sie je nach Situation mal verborgen und mal gezeigt werden können. Damit wird das heutige Tattoo zum zitierten Zeichen eines Extrems, das selbst nicht gelebt wird. Dazu kommt, daß der Wunsch nach Individualität und Abgrenzung von anderen erst durch diese unzähligen anderen, durch die Garantie eines Aufgehobenseins im Kollektiv, gesichert wird. Man kann sich als Rebell ausstellen, ist gleichzeitig aber aufgehoben in der schützenden Wolke aller Zeichenträger. Die Individualisierung durch Kennzeichnung des Körpers, unabhängig von dessen natürlicher Ausstattung kann also nur eine scheinbare sein. Denn das Paradoxe an dieser Flut von irreversiblen Bildern, die das Ephemer-Beliebige überwinden sollen, ist natürlich, daß dies nur für einen kurzen historischen Moment gelingt. Der heutige Tätowierte gleicht dem Mann, der sich zu einer Verabredung mit einer Unbekannten wie besprochen eine Rose ins Knopfloch und eine Zeitung unter den Arm steckt, und der, auf der Caféhausterrasse angekommen, sieht, daß alle dort anwesenden Männer Rosen und Zeitungen tragen.

 

Trotz dieser Vergeblichkeit bleiben Tattoos dauernde Aufforderungen, sie betteln für ihre Träger: lies mich, wirf ein Auge auf mich, hebe mich heraus, erkenne wenigstens das Signal, daß ich entziffert werden will! Aber mallorquinische und ibizenkische Strände beweisen: Je weniger an tatsächlichem Ereignis da ist, desto mehr müssen Erfahrung oder Identität vorgetäuscht werden. Demnach ist das heutige Tattoo auch das selbstbeigebrachte Zeichen einer Handlungs- und Sprachlosigkeit. Das Zeichen soll das übernehmen, wozu sein Träger selbst nicht mehr in der Lage ist: durch sein Handeln selbst zu einem bestimmten Zeichen und einer Bedeutung zu werden. Dies hat nicht nur mit einer Unfähigkeit des Trägers, sondern auch mit Nötigungen dieser Gesellschaft zu tun. Als Grundmodell heutiger Ich-Entwürfe wird der Rebell weder gefürchtet noch geduldet, sondern geschätzt und verlangt. Doch man ahnt die dahinter liegende Fatalität, daß ein Aufbegehren nach alten Mustern nicht zu haben ist, weil es kein Außen mehr gibt.

 

Weitergedacht hieße das: Massenhafte Tätowierungen sind kein Zeichen für das Ausbrechen aus zu engen Grenzen, sondern eine Selbststigmatisierung und eine herbeigewünschte Individualität desjenigen, dem die Erfahrung des Ausbrechens aus einer „Umzäunung“ und der Revolte gerade fehlt. Diese Erfahrung kann deshalb mit Hilfe eines symbolischen Aktes nur noch zitiert anstatt gelebt werden. Die kurzzeitige Dramatik, der Schmerz beim Anschaffen einer Tätowierung, bleibt dabei die prägende Erfahrung. Je freier, unversehrter wir sind, desto größer scheint die Sehnsucht nach Schmerz: „Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich selber her“ (Friedrich Nietzsche). So entspricht die künstliche Tätowierqual dem Wunsch nach echt-existentiellem Schmerz, der den Menschen normalerweise das ersehnte Gewicht des eigenen Vorhandenseins spüren lässt.

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Die wattierte Wirklichkeit und ihre Literatur ESSAI

(erschienen in EDIT/ Herbst 2003)

 

Ich will keine Bücher mehr lesen, in denen sich nicht in irgendeiner Weise der Wirklichkeit der Gegenwart widersetzt wird. Ob absichtsvoll oder ganz hektisch, durch Liebesplan, einfaches Nichts-Tun oder Entzug, unerwartete Güte, vorsätzliches Vergehen oder vielleicht sogar Angriffsspiel. Keine Bücher mehr, in denen nicht einmal in Erwägung gezogen wird, etwas zu wollen, was die Realität nicht vorschreibt, in denen Anmaßung nicht vorkommt oder der Kleinstversuch einer Sabotage. Als Figur, als Idee, als Sprache, als Perspektive vielleicht. Genug mit den Abbildungen eines gepolsterten Alltags, den Abschilderungen, die nur wiedergeben, ohne das Gesehene zu kneten und zu treten, genug mit den Zumutungen des Realen. Zumutung auch und vor allem, wenn dieses Reale nur als Individuelles daherkommt. Das Individuum mit seinen persönlichen Geschichten langweilt in der Literatur, wenn es nicht als ein Modell, ein Vertreter oder Gesetz gelten kann. Wofür? Zum Beispiel einer Haltung, die es gegenüber der Umgebung einnimmt. Ich will wieder Äußerungen, nicht Erforschungen des Inneren.

 

In der deutschen Literatur läßt sich derzeit eine solche Tendenz zum Erzählen des Persönlichen feststellen. Die vielen Einzelgeschichten beziehen ihr Recht vermutlich aus der ganz selbstverständlich gewordenen Individualismus-Pflicht, wobei das Persönliche nie eine eigene Position zu meinen braucht. Es ist einfach schon dadurch gerechtfertigt, daß es da ist. Dabei wird das Einzelne aber kaum auf der Folie dieser Ideologie beschrieben und als ihr Produkt dargestellt, sondern die Bestandteile unserer Wirklichkeit werden einfach als Bestandteile der einzelnen Geschichte verwendet und hingenommen, ohne daß gezeigt würde, wie sich diese Bestandteile auf das Verhalten und die Verfassung der Figurenmenschen auswirken. Dadurch werden dies ganz sorglos unhistorische Texte. Und natürlich können auch die Äußerungen, stumme oder verbale, der Figuren und ihre Handlungen dann nur als individualistisch gedeutet werden, das heißt sie stehen im Grunde in keinem Zusammenhang mit der sie umgebenden Welt, die höchstens noch da ist, um alles plastischer und anschaulicher zu machen. Das Ergebnis dieser Ausschmückung ist dann jedes Mal eine Verkleisterung des Blicks auf die Gründe, warum die geschilderten Handlungen überhaupt so und so geschehen müssen. Die Umgebungswelt ist in diesen Texten so selbstverständlich vorhanden, daß sie gar nicht mehr als prägend wahrgenommen wird. Anstatt daß das Handeln (oder Nicht-Handeln) der Figuren als Ausdruck dieser Welt erkennbar wird, findet es einfach nur in ihr statt, als wäre sie ein Rahmen oder beliebiger Hintergrund. Die Wattiertheit der Gegenwart scheint so natürlich, daß sie sich als direkte Entsprechung in der Literatur dieser Zeit wiederfinden muß; manch einer liegt so tief im Wattebausch, daß er gar nicht mehr herausschauen kann aus dem sanften Umgebungsflaum. Anstatt mit einem vernünftigen Befremden dieser Realität gegenüberzutreten, werden deren Gesetze angenommen. So ist es beinahe egal, ob man den Kopf ins Buch hält oder aufschaut in Fernsehbilder und Einkaufsstraßen. Man sieht dann nur, ohne daß das eigene Auge geschärft oder verletzt und dadurch die Sinne bewußter und gereizter würden. Als Abbild und Resultat ihrer Zeit sind diese Texte durchaus verständlich. Aber sollte nicht auch umgekehrt Literatur sich gegen ihre Zeit wehren und sie so letztlich formen können? Indem sie zum Beispiel Widerstände gegen unsere Wünsche und Gedanken einbaut, die gar nicht aus uns entstanden sind, sondern nur durch uns hindurchbefohlen werden? Die agitatorischen Worthülsen der 68er Zeit waren noch leicht als politisch-ideologisch zu entlarven, für die Gegenwart ist dies schon schwieriger, weil sich deren Ideologie gerade auf die individualistische Unverbindlichkeit stützt. Mit dem Absehen von gesellschaftlichen Zusammenhängen ist diese Gesinnung genau aufgegangen, und jegliches Sprechen bleibt automatisch klein, weil immer nur vereinzelt und für sich geschehend.

 

Wenn man nun beschreiben will, daß man mit dieser Welt nicht wie selbstverständlich konform ist, dürfte man eben nicht einfach aus ihr heraus eine persönliche Geschichte erzählen, sondern müßte vielmehr darüber sprechen, was die Welt mit einem und anderen macht. Das Knirschen zwischen allem, eher ein Dazwischen, anstatt ein Darinnen. Dies kann nur durch Abwesenheit von Psychologie möglich werden. Psychologie als ästhetische Strategie ist ja Ausdruck eines individualistisch/ eigenbrötlerischen Denkprinzips, das von fest umgrenzten Persönlichkeiten mit ureigensten Geschichten ausgeht. Sie ist in der Literatur oft das Unehrliche, das Unaufrichtige, da man die innere Beschaffenheit einer Figur bemüht, um Dinge zu erklären. Nichts aber ist willkürlicher und dramaturgisch zufälliger, da angelegt und ausgedacht. Wer es nicht schafft, das Verhalten der Figuren aus dem zu erklären, was sie in einer bestimmten Zeit erleben, hören, schmecken, sehen, lesen, erfahren und befühlen müssen, hat nichts erreicht. So könnte, um ein Beispiel zu nennen, eher als die konkreten Erscheinungen von Liebe und die damit verbundenen Probleme vielmehr die Frage interessieren, warum denn die Liebe genau zu diesem Zeitpunkt nur noch so und so auftreten oder mißlingen muß. Die Antwort wäre dann schon ein Erzählen, das die Realität so anordnet, daß aus dieser Anordnung etwas bewußt wird. Die Figuren würden sich in einem Raum oder einer Zeit bewegen, aus dem oder der heraus alle ihre Handlungen, Blicke , Rufe, Tätigkeiten oder Un-Tätigkeiten, Bewegungen begreifbar werden. Was bleibt übrig, vom Leben, der Liebe, unabhängig von der Vergangenheit jedes Einzelnen, wenn sich die Existenz in einem Raum, dieser Gegenwart (die für bestimmte Bereiche – meinetwegen den Liebesbereich – als gefährdend gelten kann) abspielt? Wenn die großen Entwürfe überführt werden müssen in einen winzigen Rahmen, wenn sich die Zukunftswände zusammenschieben links und rechts und man froh sein muß über den nächsten Kubikmeter Raum, in dem sich noch denken läßt?

 

An die Stelle von Introspektion werden in diesem Zusammenhang Gesten und Bewegungen zwischen den Figuren treten. Das Gestische ist jedoch nicht einfach die äußere Sichtbarkeit einer Innerlichkeit, die nur verschlüsselt wäre und vom Leser dann sozusagen erraten werden muß. Es gibt keine Logik des dahinter, sondern nur einen einzigen und letzten Ausdruck. Dieser ist sicherlich keine alogische, irrationale Form des Agierens, vielmehr handeln so Subjekte in (paralysierender) Freiheit, die ihre Umgebung durchaus begreifen, ja bereits verstanden haben, jedoch sehen, daß dieses Verstehen sie nicht vor dem Zugriff der Welt bewahrt.

 

In dem Film „Bungalow“ von Ulrich Köhler stürzt sich der Hauptheld plötzlich stumm und scheinbar ohne Grund auf seinen Freund, der die ganze Zeit schweigend und ruhig auf einer Gartenklappliege am Rande eines Schwimmbeckens gelegen hat. Er muß es tun, weil diese (vitale statt rationale) Äußerung seine einzige Möglichkeit ist, überhaupt etwas zu sagen über einen Zustand der Gegenwart, der ihm objektiv gesehen keinen Anlaß zu Reden und Widerreden bietet. Diese Unmöglichkeit, in der dauernden Vereinnahmung durch Abwiegelung auf Widerstände zu stoßen! Der Freund wehrt sich nicht, sondern geht ab. Statt Logik bleibt eine archaische Suchgeste nach einem Lebenssinn. Ein Bedürfnisrest, für den es keinen Inhalt gibt. Nur ahnungslos-tumbe Kritiker konnten diesen klaren Film über einen jungen Mann, der tatenlos seine Tage in einer Laube zubringt, als eine Gammlerkomödie mißverstehen, so als wäre das Problem ein zu enger, den Einzelnen vereinnahmender Gesellschaftsrahmen, aus dem man auszusteigen versucht! Vielmehr zeigt er doch die Ahnung von einer widerstandslosen Weichheit der Welt: Nie hat es eine ziel- und auftragslosere Zeit gegeben als unsere jetzige. Der Held ist schon das Ergebnis dieser Wahrheit, die sich nur noch in episodischen Minimalhandlungen darstellen läßt, bei denen die eruptiven Ausbrüche die phlegmatischen Phasen immer wieder ablösen. Totalverweigerung durch Null-Engagement. Aber anstatt dies in einer psychologischen Fallstudie als krankhaft/ individualistisch zu verharmlosen (Was hat denn dieses Individuum für ein Problem?!) werden Motivation und Logik ersetzt durch das Resultat der Gewißheit: gestischer Rest. Da zudem eine vordergründige Geschichte fehlt, müssen die verschiedenen Figuren schließlich als Auswüchse unserer Zeit sichtbar werden. Décrire la vie moderne, c’est observer les mutations. (Jean-Luc Godard)

Eine ähnliche Beobachtung läßt sich beim Lesen des jüngsten Romans „Faire l’amour“ von Jean-Philippe Toussaint machen. Obwohl ausgehend von einem ganz privaten Konflikt – ein Paar trennt sich – erzählt der Autor gerade nicht die individuelle Geschichte dieses Paars (das Aufhören der Liebe, Sprachlosigkeit, Unverständnis usw. usf. ). Er verzichtet auf eine ablenkende Innenschau, auf jene Dinge, die nicht einen Kern beträfen, sondern nur das Füllmaterial, über das jeder Mensch in beliebigen Mengen verfügt. An ihre Stelle tritt die genaue Beschreibung der äußeren Beziehungen zwischen den Figuren, die tatsächliche Ablösung voneinander, die sich über Stunden hin in einem frostigen Tokio vollzieht. Die Stadtlandschaft ist hier aber nicht Dekor, sondern Mitspieler und auch Auslöser für das Denken und Agieren der Figuren. Das Reagieren auf die Welt, das In-sie-gestellt-Sein wird so zur zentralen erzählten Erfahrung. Während sich der Mann nachts in einem Schwimmbad in der obersten Etage eines Hochhauses aufhält, blickt die Frau von unten an diesem Hochhaus hinauf, sieht schemenhaft sich jemanden im obersten Stock bewegen... In einer Ausstellung beobachtet der Mann auf mehreren Monitoren, wie sich die Frau langsam im leeren Nachbarsaal umsieht, der direkte Kontakt gilt nicht mehr... Der Mensch als ein raumlösliches Wesen: nicht Substanz, sondern Relation, nicht Essentielles, sondern Akzidentielles und Situation. (Dies berührt natürlich die Frage, wie ein Roman – diese ästhetische Form der Zuversicht – sein kann, wenn Statik statt Entwicklung den historischen Moment ausmacht). Diese Art Beziehungen also sind es, diese Blicke und Räume, die stärker als die bloße Realität das Denken des Autors darstellen, arrangiert zu künstlichen Zeichen, destilliert aus der Wirklichkeit. Das Handwerklich Solide, wenn es diesen Gedanken, diese Zeichen als wesentlich für unser Leben nicht herauszuarbeiten schafft, kann nur uninteressant sein.

 

Es läßt sich allerdings feststellen, daß trotz Kafka & Co ein urförmiges Figuren-Verhalten, das Aufzeigen der äußeren Beziehungen zwischen ihnen, ob im Film oder in der Literatur, immer noch sehr oft als „rätselhaft“ und nicht als positiv verstörend gewertet wird. Unsere Gegenwart kennt nur das Bedürfnis nach Lösung (und dies nicht mal als Lösung eines Rätsels, sondern nur eines Problems). Anstatt mit dem Ruf nach Intrige und Handlung über das simulierte Oberflächenkreiseln hinwegzutäuschen, sollte es heißen: Serviert werden nur Lösungen, für diese Welt aber brauche ich Rätsel. Und Rätsel meint ja nicht unverständlicher oder unklarer Text, sondern ein nicht weiter angreifbarer und aufspaltbarer Kern des Weltfunktionierens, der von den wabernden äußeren Geschichten zu abstrahieren und als ein Gesetz, eine Situation zu beschreiben ist. Manchmal ist er logisch zu formulieren, meistens jedoch nur als Entwurf oder Projekt erspürbar. Die Freischälung eines solchen Kerns macht die Handlungsweisen der Figuren deutlich, im besten Falle als Modelle des Verhaltens, als Modelle des In-der-Welt-Seins.

 

Das Bekannte und das als natürlich Wahrgenommene ist dann so zu arrangieren, daß es als ein solcher Kern gelesen werden kann. Denn auch eine sogenannte „Welthaltigkeit“ entsteht eben nicht einfach dadurch, wie eine normative Kritik es noch immer lächerlicherweise einfordert, daß man möglichst viele historische oder aktuelle Ereignisse und Themen abschreibt für die Literatur (Vertreibung im Zweiten Weltkrieg, die Börse, die Wende, der Luftkrieg usw. usf.). So würden Schriftsteller nichts weiter als Populärhistoriker. Eher schon ergibt sie sich aus einer Haltung zu dieser Welt/ Wirklichkeit, die, das zeigt zum Beispiel Michel Houellebecqs Kurzroman „Ausweitung der Kampfzone“, auch als Kleinstausschnitt dargestellt sein kann. Historische Ereignisse selbst sind in jedem anderen Medium genauer nachzuvollziehen, Literatur aber kann mit der Sprache der Autorenpersönlichkeit (die eben nicht ein Medium nur der äußeren Sprachen ist) gerade das Nicht-Sichtbare sichtbar machen, indem sie einzelne Strukturen aus dem Dickicht der Wirklichkeit begreift und so zusammenstellt, daß aus ihnen ein Zeichen, eine Idee über diese entsteht. Die Differenz zwischen Schreiber und Realität, das heißt also der Spalt zwischen der uns umgebenden Wirklichkeit und dem subjektiven Ausdruck muß geweitet werden. In diesem Spalt hockt der Autor und arbeitet von innen an seiner Vergrößerung.

 

Um die Zumutungen des Realen zu beschreiben, ohne Anti-Helden zu entwerfen, habe ich – zumindest derzeit – die Strategie des Paars für mich gefunden. (Nebenbei sei bemerkt, daß es 1. nicht möglich ist, die Merkmale des männlichen Anti-Helden ganz simpel auf einen weiblichen zu übertragen, was noch ein anderer Aufsatz wäre, und ich 2., wenn es denn möglich gewesen wäre, auf diese Übertragung – Heroismus der einsamen Souveränität – im Grunde auch gar keine Lust hatte). Dieses Prinzip „Zwei statt des Einzelnen“ hat wenig mit romantischen Gründen zu tun, obwohl dies nicht das schlechteste Argument wäre. Vielmehr ließ sich über eine (geglückte) Symbiose eine Strategie finden, mit der dem jämmerlichen Individualismusgedanken und damit der gegenwärtigen Ideologie etwas entgegenzuhalten ist. Die Symbiose ist damit nicht Ziel, sondern undiskutierte Ausgangssituation des Erzählens, seine Voraussetzung. Anstatt also eine problematische Haltung zur Welt nur als läppische, privatistische Beziehungsidiotie zu gestalten, kann das Paar – die kleinste Handlungseinheit – sich als letzte elitäre Minderheit, als würfliger Stein aufsässig in den Vereinzelungsbrei dieser Zeit hineinwerfen. Um nun die Reibung zwischen Mensch und Welt aufzuzeigen, müssen die Reibereien des Partnerschaftlichen, die oft nur über die lebensweltliche Unfähigkeit des Autors sprechen, verlagert werden auf die Dichotomie Paar und Welt. Denn das innere Gerangel im Paar stört ja beim Blick auf letztere. Der Einzelne kann mit seinem subjektiven Leiden und den Pseudo-Konflikten, die er sich auch noch von der Gesellschaft vorschreiben läßt (!), nur verdächtig erscheinen, weil sein Problem, das zwar häufig als ein gesellschaftliches behauptet wird, oft schnell verschwände, wenn er nur ganz simpel „einen Zweiten“ träfe. Und mit Sloterdijk weiß man, daß das, was sich für das Individuum hält, bei Lichte besehen sowieso nur der trotzige Rest einer gescheiterten Paarstruktur ist. Erbärmlich an dieser Art Einfühlliteratur ist zuletzt auch, daß sie über den Leser, der sich in den Texten wiederfinden kann, einen Status-quo sichert, anstatt ihn in einen noch unbekannten Raum hineinzustoßen. Genau deshalb – und dies hat nichts mehr mit Paaren zu tun – kommen diese Texte oft auch so uninteressant daher, weil es kein Wagnis, keine Vision, kein Projekt in ihnen gibt. Nur Wirkliches. Bevor man überhaupt nur in die Nähe eines Entwurfs kommt, steigen die Figuren ja sämtlich schon aus. An Stelle dramatisch Ertrinkender oder sensationell Schwimmender werden nur unentschlossen am Strand Hockende gezeigt! Den Luxus dieser Willenlosigkeit ermöglicht der Blick auf eine selbstverständlich gewordene Umgebung. Manchmal mit den Füßen im Wasser stehend, lassen die Figuren sich von der Zeit treiben, indem sie von ihr Vorschriften entgegennehmen, was möglich und unmöglich ist. Sie nehmen ihre Gesetze an, anstatt ihnen zu begegnen! Unmöglichkeiten werden behauptet, anstatt ausprobiert. Und diejenigen, die von Unmöglichkeit sprechen, sind ja gleichzeitig auch immer Vertreter des „Natürlichen“ und „Wirklichen“, des „natürlichen Laufs der Dinge“, ohne je an das Mögliche zu denken, das doch immer erst das Gewollte ist. Ohne auch nur im Geringsten eine Absicht oder den Versuch einer Unbedingtheit zu vermitteln, diese scheinbaren „Gesetze“ aufzuheben! Diese Versuche müssen ja nicht gelingen, aber von dem Scheitern wenigstens sollte die Literatur schon sprechen. Und wirklich scheitern kann nur, wer sich wirklich hineinwagt.

 

Wird das Inszenieren wichtiger, entgeht man ästhetisch gesehen auch einem einfachen Abschildern dessen, was ist, einem trivialen Realismus – selbst bei poetischer Anreicherung. Modell statt Abbildung. Dies wäre schon wieder eine schöne Arbeit: sich herausgraben aus einer Umgebung von Einzelgeschichten, die den gesellschaftlichen Raum nur als Operettendekor benutzen. Gegen die amöbenhaften Individuen, die durch die Literatur treiben, könnte so eine Kontur entstehen, die das Auftreten einer Figur hinterläßt. Ein Entwurf, hineingedrückt in die Schmusedecke der Gegenwart. Dem Unentschlossenen, Flüchtigen, Weichen, sich Entziehenden, dem Flexiblen, dem Überall-Sein, dem Mobilen tritt dann das Träge, Feste, Umrissene, Starre, Gewollte und Nicht-Natürliche entgegen. Dies alles ist nur durch einen Plan zur Wirklichkeit, einer Absicht zu haben. Zum Beispiel als Figuren-Plan zur Sabotage: Aktives Heraushalten, Liebes-Plan, Gewalt-Plan oder auch Verweigerung durch Null-Aktionismus wie, noch einmal, Jean-Philippe Toussaints namenloser Held, der seine Tage in einer leeren Badewanne zubringt, ungetröstet und Pascal lesend, eine schon anarchische Haltung, weil sie bewußt gewählt wird. Denn die kleinstmögliche Sabotage besteht bereits darin, nicht „naturgemäß“ zu handeln und zu denken, das heißt den gesellschaftlichen Denkmechanismen nicht fraglos zu folgen. Damit kann Inszenierung zu einer direkten Antwort werden auf eine wirklichkeits- und pragmatismusfanatische Zeit (auf der Ebene des Schreibens und auch der der Figuren), wobei das Geschlagensein durch die Zeit in einen Diskurs des Gewollten, also gleichzeitig Unrealistischen verwandelt wird. Der Ziellosigkeit der Gegenwart wenigstens ein Ziel der Figur entgegenstellen!

 

Doch statt dessen: viel Hinnehmen und Einrichten in der Welt, woraus unweigerlich fade Textprodukte entstehen müssen, weil in ihnen die Wirklichkeit nur hingenommen wird, wie auch die Sprache nur hinnimmt, anstatt für sich in Anspruch zu nehmen. Es ist klar, daß sich aus einer Haltung zur Welt auch eine Haltung zum Formalen, zum Stil ergibt, ganz einfach ergeben muß. Das Heftige, Unerwartete, Widersetzliche ist vielleicht nicht zuerst eine Frage der Form, aber es läuft unweigerlich auf sie hinaus. Doch solange ein Befremden ausbleibt und ein dumpfes Arrangement mit der Welt (auch wenn man in ihr betrüblich oder ratlos scheint) besteht, wird natürlich auch die Sprache dieser Welt einfach nur benützt werden. Stil kommt dann höchstens noch vor als gewollte schöne Einzelmetapher und nicht als Gesamtablauf oder Gesamtschau, als Ort oder Hergang oder Blick auf die Welt.

 

Dabei sollte doch die Zumutung – die Umzingelung des Menschen durch übermäßig visionslose Realität –bei den umzingelten Subjekten in der Literatur eine Flucht, nein: einen Satz, also Sprung nach vorn auslösen, nicht, um der Umzingelung zu entkommen – dies wäre wohl illusionär – sondern um wenigstens den sie Umzingelnden, also auch dem Leser, mit einem unerwarteten Ruck zuletzt noch in die Flanken zu beißen.

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