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Schlagen im Vorübergehen

(zuerst erschienen in: Beste Deutsche Erzähler 2002, DVA)

 

Im Lager waren die Meinungen geteilt. Einige sagten, erst das Meerwasser hätte aus dem Körper der Katze den eines Schweins gemacht, andere dagegen behaupteten, das Tier schon am Abend zuvor mit aufgeblähtem Leib zwischen den Blöcken gesehen zu haben. Auch hätte es sich erbrochen und gekrümmt, wäre mit schiefen Beinen hinunter zum Wasser gelaufen. Rattengift, sagte jemand, macht aus Katzenbäuchen riesige Ballons. Als Boje wäre sie dann, bereits verendet, auf den Wellen getrieben und von dort wieder an Land gespült worden.

 

Der Lagerwart hatte den Katzenkörper vom Strand geschaufelt und auf die Ladefläche des Multicars gelegt. So war er ins Lager zurückgekehrt. Als sie ihn vorbeifahren sahen, waren ein paar der Kleineren dem Wagen hinterhergelaufen und hatten sich an die Heckklappe gehängt, hinter der das aufgedunsene Tier lag. Mit verzogenen Gesichtern hatten sie es begutachtet und auch später nicht aufgehört, davon in anschaulichen Sätzen zu berichten.

 

Als eine Woche darauf der Soldat mit ungewöhnlich rundem, zur Seite gedrehtem Gesicht und blauen Lippen bäuchlings auf dem Strand gefunden wurde, konnte der Lagerwart den Körper nicht mehr mit der Schaufel heben. Eine Kommission wurde eingesetzt. Wie jeden Morgen war das Lager in einer langen Kolonne zum Strand hinuntermarschiert, wo man den Toten, eingewickelt in den Resten seiner Uniform, gefunden hatte. Wir blieben zurück, nur die Leiter der Gruppen näherten sich dem dunklen Paket. Eine der Frauen drückte sich beide Hände auf den Mund, eine andere griff nach einem Stock und stocherte damit auf dem nassen Körper herum. Wir, in einigem Abstand, warteten ruhig. Der Sturmball hing auf halber Höhe, das Baden war möglich. Trotzdem betrat niemand das Wasser an diesem Tag. Auch an den folgenden nicht. Bis zur Abreise blieb der Strand gesperrt. Wir blieben im Lager oder wurden zu Ausflügen in die Umgebung geschickt. Wir besichtigten eine Werft, zwei Fischfabriken und sahen, auch das, einen Seebunker aus einem Krieg vor unserer Zeit.

 

 

Der Leiter der Kommission befragte uns, nur kurz zwar, aber trotzdem lange genug, um jedem einzelnen unter das Kinn zu fassen und sich in die Augen schauen zu lassen. Alle erzählten das gleiche. Ich hätte mehr erzählen können, und tat es nicht. Ich sagte, was alle täglich auf dem zentralen Lagerplatz gesehen hatten: Ein Spiel, ein ruhiger Soldat, die Lagerleiterin. Man verlangte eine Unterschrift auf einem leeren Blatt Papier von uns, die versicherte, dass wir den Strand und den Körper vergaßen. Niemanden würde es interessieren, wenn wir mit solchen Geschichten zurückreisten. Man legte den Zeigefinger an die Lippen: jetzt waren wir Träger eines Staatsgeheimnisses. Würde dies jemals gelüftet, brächten wir Land und Lager in Gefahr. Wir nickten und schwiegen. Taten, als vergaßen wir den Strand und den Körper. Man behandelte mich bei der Befragung wie die anderen auch, niemand kam auf den Gedanken einer Verbindung zwischen uns.

 

Ich hatte es so gut es ging vermieden, dem Spiel der Lagerleiterin auf der Mitte des Platzes zuzusehen. Gewöhnlich verließ sie um die Mittagszeit ihre Zentrale und lief zum Schachfeld hinüber. Wir gingen den umgekehrten Weg, ihr entgegen. In geordneten Reihen wanderten wir an ihr vorbei zur Halle, in der das Essen ausgeteilt wurde. Als Gruppenverantwortliche lief ich vorn. Sie blieb fast immer stehen, nur kurz, um uns anerkennend zuzusehen. Sie nickte, lächelte, so dass wir die Knie beim nächsten Schritt noch höher hoben. Kamen wir in der gleichen Ordnung zurück aus der Halle, saß sie noch immer beim Spiel. Die großen schwarz-weißen Steinplatten des Feldes blieben auch in der Mittagssonne kühl. Die Lagerleiterin band sich ein Tuch um den Kopf. Der Soldat, der bei ihr war, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Zwar musste er den Helm nicht mehr tragen, dafür gab es keinen Baum oder Strauch auf dem Platz zwischen den Blöcken, in deren Schatten er die Figuren hätte schieben können. Der Schotterbelag rings um das Feld glühte rot. Nur vor den Blöcken steckten in schmalen Sandstreifen Sträucher. Wie eine flache Mauer umstanden sie den Platz, auf dem Wege und das Schachfeld das einzige waren. Die Lagerkatze lag unter der Bank und sprang hervor, wenn wir uns näherten. Der Staub musste ihr, so nah am Boden, in alle Öffnungen dringen. Ich sah nicht hinüber zu den beiden. Bis auf die Anweisungen der Leiterin für die nächste Position spielten sie wortlos. Die anderen Mädchen lachten kurz, weil sie sich an das Lachen gewöhnt hatten, geriet der Soldat, den seit unserem Ankunftstag alle nur die Niete nannten, in ihr Blickfeld. Es musste immer aufs neue provoziert werden, damit es in Fahrt kam. Und jeder kleine Trupp, der vorbeikam, hielt es wach.

 

Mein Bruder, kleiner als die anderen, war mir sofort nach meiner Ankunft aufgefallen. Er lief mit anderen Soldaten aus dem Lager heraus zu einer Wachablösung, während wir ins Lager hineingefahren wurden. An den langen Tischen auf dem Vorplatz wurden unsere Namen überprüft, in Gruppen eingeteilt. Ich sah, wie er draußen vor dem Zaun den Kommandos folgte. Er bewegte seine Arme und Beine, als hätte er große Mühe, alles in Übereinstimmung zu bringen. Obwohl er schon seit einem Jahr in dieser Gegend lebte, wirkte sein Körper noch immer wie verknotet. Die Waffe ein langer hinderlicher Stock, die man gegen seinen Willen auf seinem Rücken befestigt hatte. In gleichmäßigem Abstand zu den anderen ging er am Zaun auf und ab. Auch aus dieser Entfernung sah ich, wie ihm der Schweiß, ihm als einzigem schien mir, unter dem Stahlhelm hervor und in die Augen rann. Er wischte sich mit der flachen Hand über das Gesicht. Als wäre es keine Ehre, hier seinen Dienst zu tun, schlenkerten seine Gliedmaßen unkoordiniert vor der Landschaft herum. Die Gruppenleiterin rief unsere Namen über den staubigen Platz. Er drehte sich um, als er meinen hörte. Ich sah seinen Blick hinter den Maschen des Zauns. Als sollte ich ihn beschützen und nicht umgekehrt, blickte er mich durch das Gitter zwischen uns an. Das Tor war weit geöffnet, der Zaun kein unüberwindlicher. Dennoch sah er zu mir, als würden wir uns nie mehr begegnen können. Vielleicht hatte er meine Gedanken geahnt. Ich unterließ es, kurz in seine Richtung zu nicken, denn eines der Mädchen begann plötzlich zu lachen. Sein ausgestreckter Finger zeigte auf meinen Bruder, aus dessen Nase Blut auf die metallenen Verstrebungen des Zaunes tropfte. Noch bevor er ein Tuch aus seiner Hose hervorholen konnte, hatten auch die anderen Mut gefasst, über diese Unpässlichkeit zu lachen. Sie bildeten einen großen gemeinsamen Finger, der hinüberwies, hinter den Zaun, auf einen Soldaten, der sich unsoldatisch vor und zurückzubeugen begann. Ich sah, wie er seine Körperflüssigkeit wieder in die Öffnung zurückdrängen wollte. Die anderen liefen weiter. Mit auf die Nase gedrücktem Tuch lief auch er. Ich lachte nur kurz, ging dann mit den anderen davon.

 

Ich erwartete, meinen Bruder hier zu sehen, ich wusste, dass er seinem Dienst gemäß hier wohnte. Aber ich verstand nicht, dass er sich keine Mühe gab, mit nichts für dieses Land.

 

 

Deshalb erschrak ich wie vor einer Peinlichkeit, wenn ich meinem Bruder im Lager begegnete, ich schaute weg. Die blutende Nase entsprach ihm. Ich stellte mir vor, wie die anderen über Eskaladierwände flogen, nur einen Tritt benötigten, um die meterhohe Wand zu übersteigen, während sich mein Bruder mit seinen schwachen Armen vergeblich an der Kante nach oben zog. Wie er beim Robben im Staub einfach liegen blieb, hinter den anderen zurück, die schon wieder Atem schöpfen konnten, wenn er endlich mit schlammverklebtem Gesicht ins Zelt zurückkehrte. Die anderen rissen sich um diesen Dienst im Lager, nur er tat, als wäre das Auf- und Abgehen an den Zäunen rings um uns eine Bestrafung.

 

Weil jemand unten am Zaun entlang lief, schliefen wir ruhig. Niemand würde über das Drahtgeflecht klettern und an der Regenrinne weiter in unsere Zimmer. Niemand würde zwischen den fünf Doppelstockbetten herumgehen und eine der karierten Decken wählen, um sie zurückzuziehen. Keine Hand würde sich um unsere Kinderkehlen legen und zudrücken, wir mussten nicht aufwachen, halb erstickt, und mit den Armen rudern, um auf die fatale Situation aufmerksam zu machen. Unsere Füße mussten nicht gegen das Metallgestell treten, damit ein anderer aufwachte. Wir mussten auch nicht hochschrecken, weil das Lager angegriffen wurde von Fahrzeugkonvois, aus denen Männer sprangen bis an die Zähne bewaffnet, um die Sicherheit des Lagers zu gefährden. Wir mussten auf nackten Füßen auch nicht in die Kelleretage der Blöcke, die mit schweren Eisentüren geschlossen wurde, um dort das Ende des Angriffs abzuwarten. Die mit Watte gefüllte Strumpfhosenmaske gegen Staub und Strahlung würde nicht zum Einsatz kommen und auch nicht das provisorische Klo, das ein gelber Plasteeimer war, für den Ernstfall gebaut. Wir schliefen ruhig.

 

Vermutlich habe ich stumm darum gebeten, Gruppenverantwortliche zu sein. Denn ich habe nichts gesagt, als ich es wenige Tage nach unserer Ankunft wurde. Vielleicht war es nur ein Schritt, den ich unwillkürlich nach vorn setzte, nur eine Handbewegung, mit der man eine Gewitterfliege vertreibt, die mich in den Augen der Leiterin der Gruppe fähig erscheinen ließ. Sie sah mich an, zeigte nickend mit dem Finger auf mich. Die Gruppe tat, als gäbe es unter dem Fenster eine außergewöhnliche Landschaft zu sehen, drängte sich plötzlich in den Hintergrund und an den leeren Blumenbrettern herum. Nur um den Raum zwischen uns zu vergrößern, gingen sie noch weiter zurück, klappten, einer nach dem anderen, die Spinde auf. Ihre Köpfe verschwanden hinter den geöffneten Türen aus hartgepresster Pappe, die aussah wie Holz. Ich klebte ein Ordnungsblatt an die nackte Wand, im Raum blieb es still, nur das Kramen und Klopfen der Hände im Schrank.

 

Die Mädchen öffnen jeden Morgen die Türen der Zimmer weit, die Leiter halten ihren Kopf in den Raum und begutachten die Ordnung. Dienste mit dem Besen, dem Tuch, Bettendienst, Waschdienst, Dienst für farbige Bilder, die auf dem Tisch in der Mitte liegen. Die Punkte für die Dienste schreibe ich in ein Buch. Zusammengerechnet ergeben sie einen Ausflug in eine Konservenfabrik am Ende des Aufenthaltes. Ich stehe neben der Leiterin, wenn sie mit dem Finger über die Oberkante der Schränke fährt, um ihn anschließend ins Licht zu halten.

 

Mit dem Erschrecken vor meinem Bruder nahm es kein Ende. Nach dem Mittagsappell an einem der ersten Tage im Lager zerstreuten wir uns über den Platz, jemand brachte Bogen und Pfeil, Wurfgeschosse und Reifen heran, mit denen wir etwas unternehmen sollten. Nachdem er alles auf den staubigen Boden gelegt hatte, blieb er vor uns stehen und blickte uns herausfordernd an. Als sich die ersten nach den Geräten bücken wollten, platzte es aus ihm heraus. Mit aufgerissenen Augen und Speichel am Mund berichtete er, was er von anderen zuvor gehört hatte. Die Niete, sagte er, habe sich schon wieder was geleistet. Er redete, und ich sah, wie er sich in unserer Aufmerksamkeit räkelte.

 

Im Lager erzählte man, der Soldat hätte bei einem Übungsausflug mit dem Bus einen plötzlichen Schweißausbruch gehabt. Während er im noch stehenden Bus saß, sei ihm die unerhörte Enge in dem Fahrzeug plötzlich als Wasser aus Stirn und Achselhöhlen geflossen, die Mütze hätte er abnehmen müssen, den Kragen lockern. Kurz bevor der Bus aus dem Lagertor gefahren war, sei er aufgesprungen und hätte sich zwischen den besetzten Reihen und über mehrere Bündel Sturmgepäck nach vorn gezwängt, von wo er durch die offene Falttür nach draußen gesprungen sei. Dort hätte er sich an die heiße Karosserie des Busses gelehnt. Und sei auch nicht aufrecht gelaufen, als die anderen im Bus die Scheiben heruntergezogen und über seinem Kopf ein Gelächter angefangen hatten. Die Leiterin war wenig später aus den Räumen der Lagerzentrale gekommen und hatte mit der Faust einmal gegen den Bus geschlagen. Die Köpfe waren in das Innere zurückgezogen worden. Einige Sekunden hatte sie gewartet, bevor sie den noch immer am Metall Klebenden mitnahm.

 

Von diesem Tag an hatte er die Figuren für sie gesetzt. Seine Uniform trug er weiterhin, offiziell blieb er Soldat.

 

Die Leiterin behielt ihn für sich. Morgens fegte er die Platten der Spielfläche, stach auch Grasbüschel vom Rand oder hackte einzelne Halme aus den Fugen heraus. Wir kreuzten und grätschten, hüpften auf der Stelle nach den Anweisungen aus den Lautsprechern, er hackte mit dem Sauzahn um das Feld herum. Immer behielt er die Jacke an, obwohl Dienste dieser Art mit freiem Oberkörper ausgeführt werden durften. Der Lagerwart trug über der Feldhose nur ein gelbes Unterhemd, manchmal auch nichts. Auf seinen Armen leuchteten grüne Flecken von den Sträuchern am Strand.

 

Wenn die Leiterin mit dem Spiel beginnen wollte, setzte sie sich auf die Bank vor das Feld, der Soldat legte die Arbeitsgeräte sofort zur Seite. Oder er saß bereits, stand aber sehr schnell auf. Immer blieb er stehen, obwohl auf der Seite gegenüber ebenfalls eine Bank in den Boden gemauert war. Die Leiterin begann, der Soldat stellte sich hinter die angegebene Figur, griff ihr mit beiden Armen unter die Ausstülpungen oder Wülste aus Holz, suchte sich einen Halt und trug sie wie einen bewusstlosen Körper über den Boden vor sich her auf die gewünschte Platte.

 

Für seinen eigenen Zug nahm er sich weniger Zeit. Oft begann er mit dem Springer, den er zwischen den Bauern hindurchschieben musste. Sie wankten und schaukelten. Kippte eine der Figuren dumpf auf die Steinplatten, sah die Leiterin zur Seite, bis der Soldat sie wieder aufgerichtet hatte. Die Läufer waren eine Schwierigkeit. Sie besaßen kein Relief wie die anderen Figuren, auch keine Halskrause unter der glatten Kugel, an der man hätte zufassen können. Ihr schlichter Kopf saß auf einem schmalen Hals, der nach unten hin zu einem breiteren Stamm wurde. Hier kippte der Soldat und rollte sie über die Fläche zum passenden Quadrat. Verlor die Leiterin, schaute sie auf ihre Uhr und ging in die Zentrale zurück. Wenn sie gewann, sah sie dem Soldaten dabei zu, wie er die Figuren zurück auf ihren Platz trug. Nach dem Abendbrot, sagte sie und ging schon fort. Der Soldat nickte in den Rücken der Lagerleiterin hinein.

 

Nur einmal hatte mein Bruder nicht sofort gesetzt. Ich war am Spielfeldrand vorbeigegangen, eine Depesche für Haus 5 unter dem Arm. Er hatte den Turm, dem er schon in die Schießscharten gegriffen hatte, wieder abgesetzt und mich angesehen. Ich war ohne zurückzuschauen weitergegangen. Grußlos auch an der Leiterin vorbei.

 

Bei den Manövern, die zweimal pro Woche stattfinden, muß ich ihn länger ansehen. Wie er zwischen den Figuren herumläuft, sie hebt, wieder abstellt, die Positionen der Lagerleiterin abwartet. Sie lächelt ihm freundlich zu, mit einer winzigen Handbewegung lässt sie ihren Turm senkrecht auf ihn zu über das Spielfeld laufen, um dort seinen Springer zu schlagen. Er deutet mit der Hand eine Geste der Überraschung an, nimmt den Springer aber sofort vom Platz. Die verlorenen Figuren stellt er sortiert nach Größe am Spielfeldrand ab. Wie eine hölzerne Legion stehen sie dort, während das Feld sich leert. Die Lagerleiterin fächelt sich Luft mit einer zusammengefalteten Zeitung zu. Kommt eine von uns in ihre Nähe, nickt sie aufmunternd in unsere Richtung.

 

 

Das Manöverfeld ist der Platz zwischen den Blöcken, auf dem auch das Schachbrett liegt. Wir schätzen Entfernungen nach selbstgezeichneten Karten, laufen mit dem Kompaß einmal um den Platz herum und tragen Werte in Tabellen ein. Wir hocken uns hinter unsichtbare Wälle, werfen uns in Mulden und von dort metallene Kugeln in einen mit Fähnchen markierten Kreis. Manchmal transportieren wir die Verwundeten, auf dem Rücken oder an Armen und Beinen über den Platz und auf eine Matte, die die Krankenstation ist.

 

Jedes Manöver wird mit einem Spiel beendet, bei denen die Mannschaften farbige Bänder am Arm tragen, die vom Gegner erobert werden müssen. Wir laufen über den Platz und drücken uns, so gut es geht, an den Wänden der Blöcke entlang. Hineingehen in die Häuser darf niemand. Einige laufen zur Lagerleiterin hinüber, die bei einer Störung nicht aufspringt und schreit. Sie lässt die Flüchtlinge herankommen, sieht sie nicht an. Sie begreifen schnell, dass eine Aussetzung der Regeln auch in ihrer Nähe nicht möglich ist. Die Lagerleiterin ordert einen Bauern ein Feld nach vorn, bevor sie dann doch kurz zur Seite schaut. Wer gewinnt, fragt sie und wendet sich schon wieder ab. Ich reiße jemandem das Kunststoffband vom Arm. Bravo, ruft sie und schüttelt ihre Faust in der Luft.

 

Jetzt, da die Niete auch vom Wachdienst befreit war, ging ich wie die anderen wieder ans Fenster. Unerträglich war es mir gewesen, ihn unten in dem Streifen zwischen Zaun und Block wie ein unruhiges Tier umherwandern zu sehen. Während die zwei anderen Soldaten winkten oder andere Zeichen machten, blickte er am Maschendrahtzaun entlang und sagte nichts. Die älteren Mädchen riefen ihn, sie warfen zerknülltes Papier oder Zwieback nach ihm. Er schaute auf, und die Mädchen sahen, dass Papier und Zwieback nur seine Außenhülle trafen.

 

Die zwei anderen stellten einen Fuß auf die Haken an den Zaunpfählen aus Beton und lächelten hinauf. Die Mädchen wanden sich auf den Fensterbänken über ihnen. Oft pfiffen sie, wenn sie von oben die Ablösung hinter das Haus kommen sahen. Mein Bruder erschrak wie die beiden anderen, nur dass es für ihn keinen Grund gab. Seine Kleidung saß vorschriftsmäßig, und das Gewehr war geschultert seit der ersten Minute im Dienst. Wir sahen zu, wie sie nach drei Kommandos in entgegengesetzter Richtung aneinander vorbeiliefen. Im Gleichschritt verließen sie den schmalen Streifen zwischen Haus und Zaun. Nach wenigen Minuten setzten die neuen ihre Stahlhelme ab, ließen sie an Schnüren ins Zimmer ziehen. Briefe lagen darin, ganze Bücher oder einfach nur Soldatenhaar.

 

Immerhin war es leicht, die Verwandtschaft zu ihm zu verbergen. Er trug auf der Schläfe ein Mal wie ein Stempel, eine rotes Ornament auf seiner Haut. Mein Körper dagegen war fleckenlos, leer. Auch wenn man sich bemüht hätte, eine Verbindung zu schaffen zwischen uns, mein Haar, die Augen waren dunkel, er aber sah aus, als wäre die Farbe entwichen aus ihm. Seine durchsichtigen Glieder ragten aus der Uniform heraus. So lief er durch das Lager. Ich sah in das Blockbuch, wenn seine milchige Gestalt sich unserem Haus näherte. Er blieb vor dem Fenster meines Pförtnerraumes stehen, klopfte mit einem Fingernagel daran, als müsste er sich erst bemerkbar machen. Ich wusste, dass er die Geräte holen wollte, die im Keller unseres Blocks verstaut wurden. Die Geräte, fragte ich ihn und er nickte. Ich schob das Buch zur Unterschrift durch den schmalen Spalt zwischen Scheibe und Tisch. Er hielt den Stift so fest, dass seine Finger noch weißer wurden. Statt zu schreiben, wartete er mit der Spitze des Stiftes über dem Blatt, als müßte er sich an seinen Namen erinnern. Beim Aufschauen sah ich, dass er nur auf diesen Blick gehofft hatte. Ich bewegte den Unterkiefer vor und zurück, als Aufforderung. Er zeichnete einen Kreis und einen Strich in das Buch, ich gab ihm den Schlüssel für den Raum. In der Hand den Metallhaken, an dem der Schlüssel befestigt war, stand er vor meinem Fenster. Ich schaltete das Radio ein, das vor mir auf dem leeren Tisch stand. Das Buch aufgeschlagen daneben.

 

Von meinem Fenster aus sah ich zu, wie sich die Mädchen an ihn heranschlichen. Wenn er allein am Schachfeld stand, klatschten sie in die Hände oder brüllten ihm in den Nacken. Es dauerte einige Sekunden, bis er die Augen wieder öffnete und sich herumdrehte. Ein paar mal schlug er mit dem Arm durch die Luft, als kämpfte er sich mit einem Schwert durch Pflanzendickicht. Die Mädchen sprangen zur Seite, lachten.

 

Der Sand, in dem wir sitzen, ist vom Vortag zerwühlt. Seit einer Stunde warten wir darauf, dass aus den Lautsprechern die Erlaubnis zum Baden gegeben wird. Da nur drei Gruppen zur gleichen Zeit das Wasser betreten dürfen, schauen wir zu, wie die anderen mit gekrümmten Füßen über den steinigen Meeresanfang humpeln. Wenige Meter dahinter werfen sie sich zwischen den Abgrenzungsketten in die Wellen. Ihre Badekappen leuchten in den Gruppenfarben wie feindliche Signale zu uns herüber. Ich grabe ein Loch in den Sand, in das meine Faust passt, als mein Bruder in meinem Rücken einen Schritt auf mich zu macht. Weiter vorn, am Wasser, bohren Mädchen auf der Suche nach Bernstein ihre Finger in den Algenschlick. Von Zeit zu Zeit reißen sie ihre Arme hoch, lassen sie aber gleich wieder enttäuscht sinken, wenn es sich um Glassplitter dunkler Bierflaschen handelt. Konzentriert arbeiten sie sich das Stück Strand bis zum Zaun hinauf und wieder hinunter. Hinter dem Zaun ist der Strand leer. Damit niemand zu uns herüberdringen kann, hat man ihn auch ins Wasser laufen lassen. Erst weit hinter unserem Badebereich verschwindet er unter der Oberfläche. Niemand von uns hat ein Interesse daran, zu erforschen, wo genau er endet. Immer noch warten wir auf den Aufruf zum Baden, als mein Bruder mit dem Lagerwart hinter uns aus den Büschen tritt. Ich wende mich nur einmal kurz um, sehe gleich wieder in die andere Richtung. Mein Bruder trägt ein Bündel Gestrüpp unter dem Arm, der Wart nur eine große Heckenschere. Hintereinander laufen sie zum Multicar, der auf der betonierten Strandstraße steht. Ohne den Kopf zur Seite zu drehen, sehe ich wie der Lagerwart vorangeht, mit groben Schuhen durch den körnigen Sand. Als sie schon an mir vorbei sind, lässt mein Bruder plötzlich die Strauchzweige aus dem Arm fallen. Er bückt sich danach, und ich merke, wie er nach mir sieht. Der Lagerwart kratzt sich angesichts der heruntergefallenen Zweige nur die nackten Oberarme, geht aber weiter. Mein Bruder ist noch mit dem Einsammeln beschäftigt, als ich kurz hinter mich greife und ihm zwei oder drei Äste mit auf den Stapel lege. Wortlos blicke ich ihn an. Er versteht diesen Blick als Einladung, denn er sagt, er habe im Oktober Urlaub. Ich antworte nicht, und er sagt: vielleicht. Ich zucke mit den Schultern. Immer noch sieht er mich an, auffordernd, auf diese Nachricht zu reagieren. Ich werfe einen Sandklumpen nach einem Mädchen, das einige Meter vor mir sitzt. Es schreit und schlägt sich den Sand von der Hüfte. Nein: Erst als es sich den Sand schon von der Hüfte geschlagen hat, beginnt es zu schreien. Die Leiterin sieht in unsere Richtung, und mein Bruder packt sein Gehölz endlich zusammen und steht auf. Er folgt dem Lagerwart, der vorn, schon am Weg, mit der Schere an einen Baumstamm schlägt. Er beeilt sich nicht, geht auch nicht betont langsam. Wie einen kranken Säugling legt er das Reisig auf die Ladefläche des kleinen Lasters, zieht vorsichtig die Arme unter dem Stapel hervor. Er schaut zu mir. Ich springe auf, denn die Nummer unserer Gruppe wird aus dem Lautsprecher über den Strand geschrieen. Schon im Wasser, blicke ich zurück. Er steht noch immer dort. Der Lagerwart neben ihm tritt gegen die Gummireifen des Fahrzeugs, damit der Sand von seinen Sohlen fällt. Ich drücke den Kopf eines neben mir zappelnden Mädchens unter die Meeresoberfläche. Die Leiterin, die am Strand steht, macht eine Bewegung mit dem Kopf für mich. Als ich nicht reagiere, zeigt sie als Warnung auf mein Handtuch neben ihr. Sie stützt die Arme in die Hüften und nickt. Ich schwimme bis zur erlaubten Boje, allein.

 

Bevor man ihn am Strand gefunden hatte, war ich am Abend zuvor an ihm vorbeigelaufen. Er fegte das Schachbrett. Neben ihm stand ein Eimer, ein Lappen über den Rand gelegt. Es war das einzige Mal, dass er mich nicht bemerkte, und ich stehenblieb. Ich schlug mitten auf dem Weg das Blockbuch auf und sah über die Seitenränder hinüber zu ihm. Die Scheinwerfer vor den Blöcken wurden eingeschaltet. Er schaute einige Sekunden auf und begann dann mit gleichmäßigen Bewegungen die Köpfe der einzelnen Figuren zu wischen. Mit einer Hand hielt er sich an ihrem Hals fest und fuhr mit der anderen über die glattpolierten Rundungen und Kanten. Ich sah wie er dem König jede einzelne Ausstülpung seiner Krone reinigte. Am Ende goß er einen Schwung Wasser gegen ihn. Am Morgen, beim Vorbeimarsch, waren die Holzfiguren schon wieder trocken gewesen.

 

 

Schnell verging den meisten der Schrecken in den letzten Tagen. Die größeren Mädchen machten bald schon vor, wie sich der Tote bewegt hatte. Sie fuchtelten mit ihren Armen durch die Luft, gingen mit halbgeschlossenen Lidern vor den anderen auf und ab oder stellten sich mit gequälten Gesichtern zwischen die Schachfiguren, die niemand mehr anrührte. Eines schob sich die Ecken seines Taschentuches in die Nase und bog den Kopf weit in den Nacken, hinkte dann umständlich mit der weißen Fahne vor dem Gesicht über den Platz. Die anderen lachten, während ich mich aus ihnen herauslöste, ihm hinterherlief und das Tuch herunterriß. Mit dem Unterarm schlug ich ihm an die Schläfe. Das Mädchen griff mich sofort mit beiden Händen und schleppte mich an den Haaren zur Gruppe zurück, die schon aufgesprungen war und uns umstellte. Sie rissen an mir, in alle Richtungen, riefen Vermutungen, denen zufolge der Tote mir nicht gleichgültig sein konnte. Sie waren so überrascht von ihrer Entdeckung, dass sie mich nicht wieder loslassen wollten. Für eine Weile bildeten wir eine verhakte und verklebte Masse, als ich zwischen dem Gewühl ihrer Arme und Köpfe hindurch am anderen Ende des Platzes die Lagerleiterin aus der Tür der Zentrale treten sah. Ich erkannte sofort, dass sie über den Platz, die Schotterwege, das Spielfeld mich suchte. Sicher hatte sie jemand unterrichtet über die Verbindungen, die Bande und Bänder, die sich offenbarten, wenn man einen Toten näher besah. Ein Blick in die Akte genügte. Ein Telefonat. Während sie auf uns zukam, ließ ihr Blick mich nicht los. Sie ging schnell, nach vorn gebeugt. Um mich herum drängten mich die Mädchen. Das größere hielt noch immer seine Hand in mein Haar gekrallt. Unter dem Schmerz dachte ich, dass ich für die Niete tatsächlich etwas tun mußte. Aber dann fiel mir ein, dass es lächerlich war, einen Toten so zu behandeln, als lebte er.

 

 

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