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Haut und Knochen

(Suhrkamp Verlag, 2010)

 

Roman

Übersetzung aus dem Französischen und Nachwort von Julia Schoch
Deutsche Erstausgabe. Band 1456 der Bibliothek Suhrkamp

 

„Statt der realistischen Erzählung einer Kriegsgefangenschaft ein sich an Episoden entlanghangelndes Nachdenken über das Leben als besiegter, gedemütigter Mensch“, schreibt Julia Schoch, die für die Übersetzung von Haut und Knochen den André-Gide-Preis für deutsch-französische Literaturübersetzungen 2010 erhielt.

Während Hyvernauds Roman Der Viehwaggon, als Band 1442 der Bibliothek Suhrkamp 2007 zum ersten Mal auf deutsch erschienen, vor allem das Nachkriegs-Paris und das absurde Soldatenleben schildert, wird in Haut und Knochen unmittelbar vom Leben in deutscher Kriegsgefangenschaft und von der Heimkehr erzählt. Zusammen bilden die beiden Romane das Panorama einer Nachkriegspsyche.

 

Rezension:

 

Neue Zürcher Zeitung, 02.07.2011

 

„Nicht einmal die Nacht“ – Georges Hyvernauds Erstling «Haut und Knochen»

 

VON THOMAS LAUX

 

Sie scheinen es doch nur gut zu meinen, die lieben Verwandten. Da kommt der Kriegsgefangene 1945 nach fast fünf Jahren zurück in den sogenannten Schoss der Familie, und die Sedinen empfangen ihn sogar gleich mit Truthahn und Burgunderwein – «So einen hast du im Lager bestimmt nicht gekriegt», sagt der Onkel. Guter Witz, für den der soeben Angekommene freilich nicht viel übrig hat. Es wird rasch klar, dass hier zwei Welten aufeinanderprallen. Auf der einen Seite diejenigen, die verschont blieben und ihr ziviles Leben trotz einigen Unpässlichkeiten und Einschränkungen grosso modo hatten weiterführen können; auf der anderen Seite ein über Jahre gefangener Soldat, ausser Funktion gesetzt, erniedrigt, ins Lager gesteckt und nur mit dem Nötigsten zum Überleben ausgestattet.

 

Mit 37 Jahren wurde der Franzose Georges Hyvernaud (1902–1983) als Leutnant einer Pioniertruppe eingezogen und Ende Mai 1940 bei Lille von den Deutschen gefangen genommen. Er gelangte zunächst für zwei Jahre ins Lager Grossborn östlich von Stettin, später folgten Aufenthalte in den Lagern in Arnswalde und Soest, 1945 gelangte er zurück nach Frankreich. Der Mann hat die Offizierslager, die «Oflags», überlebt, immerhin, aber jetzt ist er zurück und muss fortan die Hölle saturierter und verlogener Bürgerlichkeit aushalten. Denn so erlebt er sie. In ihr ist alles wie zuvor, man verhält sich im Grunde, als ob gar nichts gewesen wäre. «Man schlüpft wieder in die alte Jacke und sein altes Leben.» Sie alle, die Daheimgebliebenen, lechzen allerdings nach tolldreisten Geschichten, nach schrägen Anekdoten aus der Gefangenschaft, wenigstens nach ein paar deftigen Stubenwitzen, doch der Heimkehrer wirkt seltsam zerknirscht und überhaupt nicht zu Spässen aufgelegt.

 

Seine stillen Erinnerungen kreisen vielmehr um die zahllosen unverarbeiteten Entwürdigungen des Lageralltags, um die Willkür und die alles durchdringende Absurdität. Sehr naturalistisch gerät ihm die Beschreibung des «Zufluchtsortes der gemeinschaftlichen Darmentleerung», man darf behaupten, dass über diese Örtlichkeit, dem in diesem Falle übel verdreckten, kollektiven Ort kreatürlicher Not, noch nie so intensiv nachgedacht wurde. Denn das zeigen Hyvernauds Überlegungen im Sinne eines puren Substrats: Die eigentliche Strafe der Gefangenschaft ist das unausweichliche Zusammenleben in der Baracke, ist die Unmöglichkeit räumlicher Distanzierung oder rudimentärer Individualisierung. Hyvernaud beschäftigt sich ausgiebig mit seinen «Kollegen», den «Anderen», und seine Fallbeispiele wirken mitunter wie eine profanisierte Auslegung Sartrescher Phänomenologie. Es tut sich auch hier – wie in der «Geschlossenen Gesellschaft» – der Abgrund eines höllischen, gnadenlosen Zusammenlebenmüssens auf, wobei die nächtlichen Schnarch-Arien der Mitgefangenen gewiss noch als das geringste Problem erachtet werden dürften. Allerdings gilt auch da: «Nicht einmal die Nacht schützt uns vor den anderen.» – Für Georges Hyvernaud, einen Feingeist und literaturbegeisterten Lehrer der Ecole normale, war die Erfahrung der Lager ein produktionsästhetisches Ur-Erlebnis, auf das er womöglich gern verzichtet hätte. «Haut und Knochen» war sein erstes Buch, es erschien 1949; dann folgte 1953 mit dem «Viehwaggon» (der 2007 auf Deutsch herauskam) ein inhaltliches Pendant, Themen und Figuren des ersten Buches tauchten leicht abgewandelt wieder auf. Sich selbst bezeichnete Hyvernaud einmal als den «Zwei-Bücher-Mann», denn neben einer ganzen Reihe von Erzählungen waren es vor allem diese beiden komplementär zu lesenden Romane, die seine Wiederentdeckung in den 1980er Jahren in Frankreich begründeten. Sein ironischer, bisweilen beissend sarkastischer Stil wirkt auch heute noch ungemein erfrischend, sein Witz, sein Zorn, sein Luzidität, aber auch seine unterschwellige Verzweiflung an der Condition humaine sind von einem einzigen, wohl unvergleichlichen Kaliber.

 

Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG

 

Info zu weiteren Rezensionen

Der Viehwaggon

(Suhrkamp Verlag, 2007)

 

Roman

Mit einem Brief des Autors. Übersetzung aus dem Französischen und Nachwort von Julia Schoch

 

Die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gehören zu den literarisch aufregendsten des letzten Jahrhunderts. Ein wichtiger französischer Autor jener Zeit ist erst vor wenigen Jahren dem Vergessen entrissen worden und hierzulande ganz neu zu entdecken: Georges Hyvernaud (1902-1983). Der Viehwaggon aus dem Jahr 1953 berichtet von der Zeit gleich nach dem Krieg, in Paris. Der Erzähler, den die Kriegsjahre mit einer "Krankheit des Blicks" geschlagen haben, sieht zu klar. Er sieht, was mit den Menschen in seinem Viertel los ist, die sich nach der Befreiung geschäftig neu einrichten und um ein Mahnmal zu Ehren des Widerstands streiten: Welche Résistancegruppe kann die meisten Toten verbuchen? Und die Toten der anderen - waren sie wirklich Widerstandskämpfer? Wütend, müde, nicht ohne finsteren Humor schaut der Erzähler zu. Nach eigenen Aktivitäten gefragt, schützt er Arbeit an einem Roman vor - dessen Titel: Der Viehwaggon.

 

Rezension:

 

 

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2007

 

„Die Ästhetik des Widerstands“

 

Es gibt Wiederentdeckungen, und es gibt wirkliche Wiederentdeckungen. Georges Hyvernauds Roman gehört zur zweiten Kategorie, obwohl daran buchstäblich nichts Positives ist - zum Glück des Entdeckers.

 

VON JOCHEN SCHIMMANG

 

Bei etwa neunzig Prozent der vergessenen Autoren, die nach Jahrzehnten noch einmal ausgegraben werden, stellt sich heraus, dass sie völlig zu Recht keiner mehr liest; daran ändert auch die Ausgrabung nichts. Es bleiben die zehn Prozent, bei denen man sich fragt, wie dieser Autor je aus dem Bewusstsein der Leser verschwinden konnte. Man spricht dann etwa von einer "wirklichen Wiederentdeckung". Um eine solche handelt es sich bei Georges Hyvernaud.

 

"Der Raum in den fünfziger Jahren für einen Schriftsteller wie ihn war schmal", schreibt Julia Schoch in ihrem klugen und kenntnisreichen Nachwort. "Zwischen kritischer Aufbruchsliteratur, grotesk-phantastischen Textwelten à la Boris Vian und dem gerade erst entstehenden Nouveau Roman war wenig Platz." Und wenn ein Autor dann wirklich so konsequent wie Hyvernaud ist, mit dem Schreiben einfach aufzuhören, weil er zu wenig gelesen wird, dann wird er zur literarischen Unperson. Immerhin gibt es in Frankreich eine Société des Lecteurs de Georges Hyvernaud, und seine beiden Romane sind als Taschenbücher erhältlich. Der zweite von ihnen hat nun völlig zu Recht in die Bibliothek Suhrkamp Eingang gefunden, und den ersten werden wir hoffentlich - und wieder in der Übersetzung von Julia Schoch - irgendwann ebenfalls auf Deutsch lesen können.

 

Dass Hyvernaud von Sartre gefördert wurde, der ihm sogar die ständige Mitarbeit an den "Temps Modernes" anbot, dürfte kein Zufall sein. Denn so hätte sich vielleicht "Der Ekel" gelesen, wäre er nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben worden und Sartre ein größerer Stilist gewesen. Und hätte sein Held Roquentin seinen Blick weniger nach innen gerichtet und auf die wahre Empfindung, sondern mehr nach außen und auf die wahren Verhältnisse wie Hyvernauds Erzähler. Der hat wie sein Autor fünf Jahre deutscher Kriegsgefangenschaft in Pommern hinter sich und versucht sich nach dem Krieg wieder in seinem Viertel einzurichten. Andere sind da schon weiter: Sie waren nicht in Gefangenschaft, sondern haben die Kriegsjahre als Kollaborateure, als unauffällige Mitbürger oder als Angehörige der Résistance überlebt.

 

Nun geht es, neben den guten Geschäften, unter anderem um das Mahnmal zur Erinnerung an den Widerstand. Aber welche Gruppe hatte denn nun die meisten Toten zu beklagen? Die Kommunisten? Die Gaullisten? Wer waren die echten Helden des Widerstands? Waren die von der anderen Seite überhaupt welche? Hyvernauds Buch, 1953 erschienen, ist vielleicht auch deshalb nicht populär geworden, weil es schon früh am Résistance-Mythos kratzte, als die Mehrheit der Franzosen noch sehr bereitwillig an ihn glaubte. Dieser Tatsache dürfte der Misserfolg allerdings nicht allein geschuldet sein. Es fehlt in diesem Roman - und das macht ihn so unbedingt lesenswert - schlichtweg das Positive, nach dem man doch gerade in den Zeiten des Neuanfangs lechzt. Hyvernauds Erzähler, nach dem Krieg wie schon vor dem Krieg Buchhalter (mit literarischer Bildung) einer Getränkefirma, zeigt, dass es gar keinen Neuanfang gibt. Er ist, bis in den Sprachduktus hinein, ein Verwandter der Helden aus den frühen Romanen und Erzählungen Samuel Becketts. Auch an manche Burschen aus der Welt Raymond Queneaus könnte man denken. (Beide Autoren sind Generationsgefährten Hyvernauds, der 1902 geboren wurde und 1983 starb.)

 

Mehr als die Frage, wer denn nun wirklich zum Widerstand gehörte, interessiert den Erzähler eigentlich das Schicksal des Pissoirs an der Rue des Deux-Èglises: "Um sechs, wenn wir aus der Firma Gebrüder Busson kommen, versäumen wir nie, dort einzukehren, mein Kollege Porcher und ich. Hier finde ich Stoff genug, um ausgiebig über die menschliche Gattung und das Schreiben nachzudenken." Mit dem Schreiben hat es die Bewandtnis, dass der Erzähler seinem Bekannten Bourladou, einem erfolgreichen Bauunternehmer, und dessen feinsinniger Gattin eines Tages erzählt hat, er schreibe an einem Buch: "Eine Art Roman. Eher eine Chronik. (. . .) Oder ein Essay, wenn Ihnen das lieber ist." Er berichtet zuweilen von seinen Fortschritten und seinen Blockaden. "Seitdem wir davon reden, muß mein Buch auf rund sechshundert Seiten angewachsen sein. Und manchmal glaube ich fast selbst, daß es existiert." Sogar einen Titel findet er eines Tages auf drängendes Nachfragen: "Der Viehwaggon".

 

Vom Viehwaggon ist in diesem Roman in der Tat die Rede: Einige Passagen berichten plastisch über das Leben in der Gefangenschaft. Auf deren Schrecken folgen aber bruchlos die Schrecken der Normalität. "Arbeit, Familie, Vaterland" war das Motto des Vichy-Regimes, und das ist nach dem Krieg keineswegs überwunden. Beim Streit um den "richtigen" Widerstand geht es um nichts anderes. Und da auch bei uns heute um diese Werte wieder heftig gestritten und gerungen wird, tut es allein schon deshalb richtig gut, Hyvernaud zu lesen und den Kopf ordentlich auszulüften.

 

Sartre hatte dem "Ekel" als Motto einen Satz Célines vorangestellt: "Das ist ein Bursche ohne kollektive Bedeutung, das ist ganz einfach nur ein Individuum." Von Hyvernauds namenlosem Helden, der keiner ist, ließe sich anerkennend dasselbe sagen. Dieser Roman ist antiideologische Literatur par excellence. Entscheidend aber ist seine literarische Qualität, sagen wir ruhig: das ästhetische Vergnügen beim Lesen dieses Romans. "Ich will keine Wertschätzung, ich will gelesen werden", hat Hyvernaud geschrieben. Es sei dringend empfohlen, diesem Wunsch nachzukommen. Die Wertschätzung kommt dann schon von selbst.

 

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