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Auf dem Geröllberg

Ausstellung: Erinnerungsland, Zielona Góra, Juni/Juli 2009

1

Angenommen, Fremde machten einen Rundgang über die Erde, lange nachdem die Menschen auf ihr gelebt haben, und die Landschaften wären nicht verwüstet, sondern noch übersät von den Bauwerken, Einrichtungen und Millionen Dingen, die die Menschen in ihnen zurückgelassen haben. Würden die Besucher in diesem Freiluftmuseum der einstigen Menschenwelt lesen können? Kämen ihnen die Überreste als die Ordnung einer Gesellschaft entgegen oder nur als stumme Zeichen, als ein Haufen unbrauchbaren Mülls, der nichts mehr preisgibt von dem, was einst auf dem Planeten vor sich gegangen ist? Kurz: könnten sie aus alldem ein Archiv der Menschheit erstellen?
In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts war das Szenario einer vollständig verlassenen, vom Menschen nicht mehr bewohnten Welt sehr aktuell. Ihre mögliche Auslöschung durch Atomwaffen – plötzlich und radikal – brannte sich als ewiges Bild in die Phantasie der damaligen Generation. Wie würde eine Welt sein, in der nur noch ein großer Wind über die verwaisten Plätze einer verschwundenen Zivilisation zöge: über die Wohnhäuser, Geschäftsstraßen, Äcker, Kinos, Autobahnen, Friedhöfe, Bibliotheken, Spielplätze, Museen, Sportanlagen, Bahngleise?
Dieser tagtäglich heraufbeschworene Krieg trat nicht ein.
Stattdessen passierte für dieselbe Generation ganz und gar überraschend und auf überaus herkömmliche Weise eine Revolution, die den umgekehrten Fall geschehen ließ: Nicht die Menschen verschwanden von der Bildfläche, sondern die Dinge und Orte, die bis dahin unverbrüchlich zu ihrem Leben gehört hatten. Der übriggebliebene Mensch sah sich einem noch anderen Schrecken gegenüber: mit den Dingen und Orten, die verloren gingen, verflüchtigte sich auch seine Geschichte. Diese spezielle Form des Verschwindens war unerbittlich, rasant, endgültig. Und so war es, als er sich auf die Suche nach den Spuren seines Lebens machte, als wären bereits tausende Jahre und nicht nur ein oder zwei Jahrzehnte vergangen. Die Zeit schien in zwei ganz und gar voneinander abgewandte Hälften zerfallen: Vergangenheit und Gegenwart, und die Verbindung zwischen diesen beiden Zeiten für immer gekappt.
Der unaufhaltsame Vorgang des Vergessens wurde also nicht – wie stets phantasiert – von den Augen fremder Wesen verfolgt, lange nach dem Untergang des Menschen, sondern der Mensch blickte plötzlich mit seinen eigenen Augen in das grenzenlose Universum des Vergessens, das Teil seines Lebens war. Auf der Suche nach seiner Geschichte, die ihm nicht mehr zu gehören schien.

2

Wenn die Wände zwischen den Zeiten auf immer undurchlässig geworden sind, wird der Blick zurück zu einer Herausforderung. Die Erinnerung zu einem unsicheren Instrument. Wann hat es das zuletzt gegeben: daß die Gegenwart vollkommen natürlich aus der Vergangenheit herausgewuchert ist – ein Gewächs, an dessen Wurzeln man sich mühelos in eine andere Zeit zurückhangeln konnte? In dem das Heute mit dem Gerade-noch-Gewesenen über hundert Fäden miteinander verbunden war? Stattdessen der Eindruck: die Vergangenheit steckt in einzelnen Schachteln, in unzähligen, fest verschnürten Paketen, darin die Dinge, Stimmen und Bilder, die zu ihr gehören. Kisten und Kästchen, blind nebeneinander, jedes für sich ein verzurrtes Leben.
Stellen wir uns eine Frau mittleren Alters vor, die eines Tages von einem Anruf aus ihrem Alltag herausgerissen wird. Während sie in der Küche ein Fertiggericht aufwärmt, klingelt das Telefon. Sie braucht ein paar Sekunden, bis sie begreift, wer da spricht, obwohl der Mann am anderen Ende der Leitung sofort seinen Namen nennt. Einige Jahre zuvor – sie war noch jung und gerade dabei, ein eigenes Leben zu beginnen – hatte sie ihn auf einer Reise ins Ausland kennengelernt und zwei leidenschaftliche Nächte mit ihm verbracht. Der Abschied danach war fröhlich und gelassen gewesen, ohne Fragen, ohne Versprechungen für die Zukunft. Sie hatten sich wie höfliche Fremde getrennt. Nun sagt der Mann am anderen Ende der Leitung, er sei auf der Durchreise und wolle sie sehen. In einer Stunde am Bahnhof. Dieser Satz klingt wie ein Befehl. Nicht nur ein Befehl, sich unverzüglich zu diesem Treffpunkt zu begeben, nein: ein Befehl, sich zu erinnern.
Obwohl ihr die Einzelheiten ihres Zusammenseins nur seltsam verschwommen ins Gedächtnis rücken, überfällt sie der Gedanke an die damalige Leidenschaft plötzlich wie ein nachträgliches Fieber. Nun, da sie seine Stimme hört, erscheint ihr die höfliche, gelassene Art, mit der sie damals voneinander Abschied genommen haben, ganz und gar unpassend. Eine heftige Sehnsucht packt sie. Eine Sehnsucht, die sie im Hergang der Gegenwart vergessen hatte. Oder hatte sie sich dieses Vergessen antrainiert? Jedenfalls löst sich ihre angenommene Gleichgültigkeit in diesem einen Satz auf und läßt die Zeiten zusammenrücken.
Eine Stunde. Auf der Suche nach einem passenden Kleid für dieses Wiedersehen fällt ihr im Schrank ein kleiner Karton in die Hände: Mitbringsel von Reisen, Notizzettel, Erinnerungsstücke. Hastig schüttet sie den Inhalt auf dem Fußboden aus: Gab es nicht auch etwas darin, das zu der Stimme des Mannes am Telefon gehörte, zu seinem Befehl? Sie schaut sich das Sammelsurium an, aber keine Aufschrift, keine Widmung, kein Datum helfen: Was hatte es mit dieser Serviette, diesem Abzeichen, diesem Sektkorken, dieser seltsam altmodischen Münze auf sich? Wo war das Erlebnis zu dieser Eintrittskarte? War das Haus, zu dem dieses Klingelschild gehörte, nicht längst abgerissen worden? Und dieser Stadtplan, war er nicht überflüssig inzwischen, da es eine solche Stadt nur noch im Traum gab?
Sie hätte das Treffen absagen können, ein einfaches Nein oder ein wortloses Abschalten des Telefons hätten genügt, doch wie von Geisterhand geführt macht sich die Frau auf den Weg. Während sie sich noch immer die Bilder ihres kurzen Liebesrausches damals ins Gedächtnis zu rufen versucht, wird sie von tausend Hindernissen aufgehalten: schon im Treppenhaus wird sie zurückgedrängt von neuen Mietern, die kantiges Mobiliar an ihr vorbeischleppen, draußen auf der Straße stauen Kundgebungen die Menschen zusammen, daß kein Durchkommen ist, Verkehrsumleitungen, eine Parade zieht vorbei, Kapellen spielen, dann endlich Richtung Bahnhof ein Bus, in dessen Tür sie sich den halben Mantel aufreißt, der Regenschirm, der eher als Spazierstock dient, verbogen, bis zuletzt auch die Schachtel mit der Vergangenheit herunterfällt und ihr Inhalt zwischen fremden Menschenbeinen verstreut liegt. Verzweifelt kriecht sie herum, um ihn wieder aufzuheben: gehörte diese Streichholzschachtel dazu? Und dieser gelbe Handschuh …? Die Zeit wurde knapp, am besten sie stieg wieder aus aus diesem Gefährt, das sich nur schleichend seinen Weg zum Treffpunkt bahnte, und lief zu Fuß.
Mit wild klopfendem Herzen, die Schachtel gegen die Brust gepreßt, überquert sie endlich atemlos den riesigen Bahnhofsvorplatz. Rechtzeitig, eben noch. Plötzlich dann: abruptes Stillstehen. Das Haar verklebt, schaut sie wild um sich, ein Urzeitmensch zwischen all den Passanten, die kreuz und quer über den Platz laufen. Wie eine Nadel stößt ihr der Gedanke ins Hirn: nie im Leben wird sie den, der sie hierher bestellt hat, wiedererkennen. Er mußte sich verändert haben, konnte es anders sein? Sie beginnt die Gesichter abzusuchen nach einem Hinweis, einem Gang, einer Geste, irgendetwas, das ihrer Erinnerung an ihn ähnlich war. Endlich: jemand, dort drüben, der zu warten schien, jedenfalls rührte er sich nicht. Ein Mensch, abgewandt. Minutenlang starrt sie auf seinen Hinterkopf. Keinen Schritt näher, sie wagt es nicht. Erschöpft setzt sie sich schließlich auf einen Straßenpoller. Vielleicht war es besser, einfach abzuwarten. Er würde sich schließlich umdrehen müssen. Und so war es auch. Sie sah schon, wie er sich in ihre Richtung wandte. Doch bevor er sich ganz umgedreht hatte, senkte sie den Kopf und schloß die Augen.

3

Wie das Gefühl der Trauer zur Zerstörung gehört, so entspricht die Melancholie der Erfahrung des Verschwindens.
Damals, als sie sich so fröhlich auf diesen Mann eingelassen hatte, gab es nur eine Richtung der Zeit für sie: die Zukunft, und jedes Ereignis in ihrem Leben war eine Sprosse auf der Leiter in diese Zukunft hinein. Längst aber hat sie nicht mehr den Eindruck, auf einer Leiter zu stehen. Vielmehr befindet sie sich auf einer Art Geröllberg, über den viele verschlungene Wege laufen. Auf diesem Berg liegen die Einzelheiten der Vergangenheit verstreut: episodisch, sinnlos, unwahrscheinlich, als hätte es diese andere Zeit nie gegeben. Ab und zu leuchtet etwas in dem Gewühl der Dinge auf – dem kurzen Aufflackern des Erinnerns ähnlich, das eine Kehrseite des Vergessens ist.
Daß sie den Kopf senkt, heißt: sie hat im Dickicht der Gegenwart jeden Beweis für ihre Leidenschaft verloren. Es war unsinnig, ja: unmöglich, eine Verbindung zu einem Mann wiederaufnehmen zu wollen, der längst ein Geist geworden war. Sie senkt ihn nicht obwohl, sondern weil sie ihn erkennt. Erst das mögliche Wiedersehen läßt sie die Vergeblichkeit dieser Unternehmung spüren.
Was bedeutet es für einen Künstler, in einer Welt zu leben, in der das Verbindungsseil zwischen Vergangenheit und Gegenwart immer fasriger wird? In der die Geschwindigkeit der Geschichte sich immer mehr erhöht und der träge Mensch unablässig von ihr überholt wird? In einer solchen Welt wird der Begriff der Avantgarde sinnlos. Wo die Grunderfahrung die unaufhörliche Metamorphose allen Seins ist, kann der Künstler nur in eine Richtung sehen: zurück. In Kriegen sind Truppen, die am Ende einer Marschkolonne gehen die Arrièregarde. Diese Nachhut soll dem von hinten angreifenden Feind das Herankommen unmöglich machen. Durch ihren rückwärtsgewandten Feuerschutz gibt sie dem Rest der Truppe Zeit, sich auf den Kampf einzustellen.
Der von hinten angreifende Feind: das Vergessen.
Für einen solchen Künstler wird nicht die Erneuerung der Formen und Techniken das Wichtigste sein. Stattdessen hebt er auf und sammelt. Dinge, die schiere Materialität geworden sind. Fundstücke ohne Archiv, die als Spuren einer verschwundenen Zeit durch den unendlichen Raum der Gegenwart treiben.

Vorwort zum Kunstkatalog von Jan Brokof

(Dresdner Marion-Ermer-Preisträger 2005)

 

Über die Brachen

 

Daß man sich an das Verschwinden von Dingen und Orten mehr erinnern kann als an die Orte und Dinge selbst. Daß man dem Verschwinden zusehen kann. Daß wir ihm zusehen und uns daran gewöhnen konnten.

 

Ein Panzerberg, eine Siedlung, der Samstagnachmittagsblick aus dem 1. bis 14. Stock übers Land. Von Block zu Block die Wege. Eine Legende. Wir haben nicht geglaubt, daß so schnell wieder alles namenlos werden kann.

 

Anstatt mit den Orten zu verschwinden, haben wir uns aufgemacht, weggestohlen (mußte es den Orten vorkommen). Wir waren schneller als sie, und unauffälliger sind wir gegangen. Nicht so schnell wie wir aufbrechen und fortgehen konnten, kamen die Orte mit. Eine Zeitlang warteten sie, daß jemand wieder durch sie hindurchschritt, sie durchquerte. Aber die Menschen blieben aus. So haben die Orte gewartet, bis sich das Land wieder über ihnen schloß. Wir haben ein längeres Leben als sie.

 

Die verlassenen Orte. Immer ist es heiß (immer ist es Sommer), das Gras steht hoch, die Büsche, das Gras, die gleichgültig wuchernde Natur holt die stummen zurückgelassenen Gebäude ein. Und nirgends ein Meer, in der Nähe der Orte, die ratlos warten. Die auch dann noch warten, wenn sie verschwunden sind, immer im hitzigen Innern des Landes. Auch unsichtbar wartet noch etwas dort. Denn wenn etwas verschwindet, entsteht ein Quadrat in der Landschaft, manchmal ein Kreis.

 

Oft müssen wir nach dem Weg fragen. Mädchen führen Pferde durchs Gras, aber sie wissen von nichts. Wir blicken uns um in dieser Steppenlandschaft, durch die, in einer anderen Zeit, die Menschen liefen, täglich. Treppen, Eingänge, Räume wie Boxen; und der Blick aus den Räumen durch Glas auf wieder andere, gleiche Räume. Jetzt streichen wir an den leeren Flächen entlang, dort, wo Stein und Beton zurückgeblieben sind und kein Passant sich mehr rührt. Ziellos wandern wir über die weiten Ebenen, aus denen die Menschen entfernt wurden, nein: sich selbst entfernt haben.

 

Zuerst haben wir gesagt: keinen Schritt tun wir mehr hier, nichts, keine Liebe, kein Sterben, auch kein Gespräch mehr. Daß wir sie nicht ertragen, haben wir gesagt, diese Orte. Ihre Armseligkeit, ihre Häßlichkeit, ihre Abgewandtheit. Nichts war Überschwang. Und sind dann doch immer wieder nur hierher zurückgekehrt. Denn plötzlich packte uns ein Grauen bei dem Gedanken, mit ihnen könnten auch wir aus der Welt verschwinden.

 

Erst als die Menschen sich entfernt hatten von ihnen, war die Häßlichkeit zu erkennen. Eine Monstrosität, die alles andere verstellte. Wir kommen zurück und entdecken – nun, da die Menschen fehlen, entdecken wir es zum ersten Mal –, daß gegenüber von ihnen, schon immer und viel älter als sie, ein grünumstandener Friedhof liegt: Backsteinmauern und Singvögel. Dies aber interessiert uns nicht. Wo ein Block, eine Schule, ein Wäscheplatz lag, liegt jetzt ein Feld. Wir formen Umrisse in die Luft, wild rudernd stehen wir da, zeichnen für uns selbst Etagen, Treppenhäuser, Balkons in die stille, unbewegliche Jahreszeit. Und während wir übers Feld, manchmal durch dichtes Gebüsch gehen, spüren wir die Abwesenheit, das, was hätte werden können, und sind müde.

 

Die Orte reden nicht. Nicht mehr. Anfangs dachten wir, sie hätten unsere Geschichten aufbewahrt in sich. Aber so war es nicht. Sie blieben stumm. Und wenn wir zurückkehrten, ging es uns genauso. Aber wir geben uns Mühe; wir glauben, uns wieder einpflanzen zu können dort. Und kommen zurück, kommen mit unseren Worten, den Farben, den Geschichten. Aber die Orte haben sich abgekehrt.

 

Wir verstanden: Nicht, daß alles jetzt zerschlagen ist, das Glas, die Türen, daß alles aufgelassen ist jetzt, hat diese Orte verletzt. Nicht dies. Nicht, daß alles blind ist, lichtlos, die Laternen ausgerissen, schief. Daß wir über Betonbohlen und Unkrautgräben steigen müssen wie ganz zu Beginn. Daß statt der Menschen wieder Tiere die Wohnungen bewohnen. Sondern, daß wir aus ihnen verschwunden sind. Daß ihnen das Vorgesehene vorenthalten wurde. Daß sie sich in ihrer Starrheit aus Beton wehrlos überwuchern lassen mußten, und wir sie dem geschichtenlosen Raum überließen.

 

Schon später, überlegten wir uns einen Schwur, und hatten doch gar nicht die Wahl: Wir werden, wenn wir von den Orten berichten, sparsam umgehen, sagten wir, sparsam mit der Farbe, dem Licht, dem Wort. Sparsam, damit durch die Lücken das verschwundene, unser Leben ein und ausgehen kann.

 

Wir haben zugesehen. Die Menschen sind gegangen und haben die Geschichten mitgenommen. Haben alles aus den Gehäusen entfernt. Ein bestimmter Wind geht durch sie hindurch, täglich ein Wind. Eine meteorologische Erscheinung, nicht mehr. Wir wissen es ja.

 

Jetzt beginnen wir zu begreifen: Wir sind die Zurückgelassenen.

 

Längst sind wir abgereist. Zuerst, dachten wir, aus Reiselust. In Wahrheit aber aus Kümmernis darüber, daß die Häßlichkeit verschwinden und dabei etwas zurücklassen kann. Inzwischen sitzen wir in allen Städten dieser Welt, kommen uns vor wie die letzten Menschen, mit solch einer Erfahrung. Tief unter uns nehmen die Wagen und Bahnen auf den Hochstraßen zu, überschwemmen sie die Kanäle, werden Wälder geschnitten und Häuser aufgestockt im Gewühl – in jede Behausung fünf, sechs neue Leben gezwängt. Und über allem schlagen die Laternennetze an, beleuchten beleuchtete Fenster.

 

Wir schweigen. Was weiß diese Zeit von einer anderen.

 

Seoul 2005

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